Performance

Intime Kabinette im E-Werk – aber nur gefilmt

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mi, 28. April 2021 um 10:23 Uhr

Theater

Julie Jaffrennou und die Compagnie LaPerformance mit "Zerbrechlichkeit und andere Geschichten": Ein Film muss die nicht mögliche Premiere im E-Werk Freiburg ersetzen.

Lange hatten sie gehofft, dass es doch möglich sein würde, diese Performance im großen Saal des Freiburger E-Werks zeigen zu können. Die Phase der Vorbereitung dauerte fast ein Jahr; der Aufbau in der Halle war kompliziert: intime Kabinette durch schwarze Stoffbahnen abgeteilt, ein einheitlich blauer Boden, intensiv rotes Licht, das zu fahlem Weiß changiert. Kaum Requisiten: rote Kinderstühle, Seile zum Springen und zum Fesseln, Säcke, in denen ein Körper Platz findet, ein Stoffhaufen. Die Premiere von "Zerbrechlichkeit und andere Geschichten", einer Produktion von Julie Jaffrenou und der Compagnie LaPerformance, zweiter Teil der Trilogie "Obeying Life", musste dann leider ohne Publikum mit wenigen ausgewählten Gästen stattfinden.

Einblick in diese herausragende Aufführung, eine Koproduktion mit dem Festival 6Tagefrei in Stuttgart, gibt jetzt ein Film, der kein Live-Stream ist. Viel besser als nichts, aber viel zu wenig, um dieser Performance auch nur annähernd gerecht zu werden. Denn die Zuschauer sind in diesem fast zweistündigen Stück Teil des Geschehens. Einmal dürfen sie selbst auf den Kinderstühlen sitzen, stumm und still und ratlos, während aus den anderen Kabinetten um sie herum seltsame Geräusche ans Ohr dringen. Ein höhnisches Lachen, ein lautes, fast furchterregendes Schnauben.

Wo befinden wir uns? Julie Jaffrenous neue Performance lässt das Genre Tanz weit hinter sich. Getanzt wird hier so gut wie nicht mehr. Dafür Seil gesprungen zum Beispiel. Vater, Mutter, Kind. Die Eltern (der Schauspieler Michael Schmitter, die Tänzerin Tjadke Biallowons) schwingen das Seil brechen dabei immer unmotiviert, wie es scheint, in ein hässliches Lachen aus. Der Sohn (der fabelhafte so schmale wie athletische Tänzer Salim Ben Mammar) springt schnell und schneller, hoch und höher, bis er sich dann doch verheddert. Wieder und wieder müht er sich ab, wieder und wieder höhnen die Eltern. Ein Albtraum.

Erinnerungen an die Kindheit: Das ist ein Leitmotiv des berührenden Abends. Die von Gestalt sehr zarte grauhaarige Tänzerin Olivia Maridjan-Koop windet sich mühsam aus einem bunten Schlafsack, sitzt dann da, einsam, verlassen, den Daumen im Mund versenkt, man sieht es mit großem Unbehagen. Dann rollt sie die Strumpfhose herunter, hockt sich auf ein Stühlchen, es sieht nach Notdurft aus. In einer anderen Szene erzählen die drei Tänzerinnen Alice Gartenschläger, Tjadke Biallowons und Olivia Maridjan-Koop umstandslos von ihren ersten – eher ernüchternden – erotischen Erfahrungen mit in den Mund gesteckten Zungen und plötzlich an bestimmter Stelle nassen Hosen. Eine andere Szene führt wortlos die Annäherung zwischen Mann und Frau als ambivalenten Prozess zwischen Anziehung und Abstoßung vor. Das alles ist sehr genau beobachtet und sehr präzise umgesetzt, schnörkellos, auf das Wesentliche beschränkt, manchmal erscheinen die Akteure wie ausgeschnitten in dem abstrakten Setting.

Die stärkte Begegnung findet zwischen zwei Männern statt, sind es Vater und Sohn, sind es Liebende, man weiß es nicht. Michael Schmitter, den man so offen, so sich aussetzend noch nie gesehen hat – es ist fast ein Schock – stampft mit unartikulierten, knurrenden Lauten im Kreis um den Sack herum, aus dem er sich gerade befreit hat. Was tut er da? Warum tut er es? Salim Ben Mammar, eine halbe Portion gegenüber der körperlichen Wucht des groß gewachsenen Schauspielers, springt ihn an, sucht den Kampf, zugleich die Nähe, beide verknäulen sich am Ende in einer Umarmung, die intimer nicht sein könnte. Ein Bild, das bleibt. Ein Abend, der bleibt.

Stream am 1. Mai um 20.30 Uhr über

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