Stilfrage

Ist es noch angemessen, dass ein Herr einer Dame aus dem Mantel hilft?

Elisabeth Bonneau

Von Elisabeth Bonneau

Mo, 09. März 2020 um 12:52 Uhr

Panorama

Wahrscheinlich wird von manchen – aber nicht allen – Männern erwartet, dass sie Frauen beim An- oder Ausziehen von Mänteln behilflich sind. Gesten wie diese sind schlichtweg menschlich, findet Elisabeth Bonneau.

Die Autorin ist Kommunikationstrainerin und lebt in Freiburg.

In der Fernsehsendung "Albtraum der Frauen: Männer ohne Manieren" fragte der Moderator den offenbar als Zuschauerschreck geladenen Punk: "Na, hilfst du etwa deiner Freundin aus dem Mantel?" Darauf der Gast: "Die hat keinen Mantel. Der helfe ich aus der Lederjacke."

Was lehrt uns das? Wahrscheinlich wird von manchen – aber nicht allen – männlichen Personen erwartet, dass sie weiblichen Personen beim An- oder Ausziehen von Mänteln behilflich sind. Die Erwartung beinhaltet auch, dass sie ihnen Türen aufhalten und den Vorzug beim Durchschreiten von Räumen oder bei der Begrüßung geben: "Ladies first".

Wenn es um das "Herr-und-Dame-Spiel" geht, ist es veraltet

Personen in dieser Konstellation nennt man dann "Herr" und "Dame" – wie Sie das in Ihrer Frage tun. Vom Kavalier wird höfliches, wertschätzendes Verhalten gewünscht; er soll hilfsbereit sein, ohne anderen zu nahe zu treten, und sich in Zurückhaltung üben, wenn er dazu durch die Blume aufgefordert wird. Selbstverständlich ist der "Gentleman" gebildet, sprachgewandt und stilvoll gekleidet. Sein Pendant, die Dame, beherrscht auf ihre Weise ebenso souverän das diskrete Spiel von Nähe und Distanz und hält sich und ihre Gefühle zurück.

"Alte Schule" nennt man das heute – was für viele bedeutet: altmodisch, aus, vorbei. Wenn das Herr-und-Dame-Spiel keine Varianten zulässt, wenn es die Dame auf einen Sockel stellt und dort festzementiert, passt es wahrlich nicht in unsere Zeit der Gleichberechtigung und -verpflichtung. Der Punk in der Fernsehshow jedoch lehrt uns: Zuvorkommende Gesten sind nicht an Alter, konservative Werte, sozialen Status und Kleidungsstil gebunden, sondern im Kern schlichtweg mitmenschlich.

Konsequent gedacht, sollte jede Person jeder anderen Person auch ohne Ansehen des Geschlechts Hilfe nicht aufdrängen, aber anbieten.