Janina Hettich holt WM-Staffelsilber

Jürgen Ruoff

Von Jürgen Ruoff

Mo, 22. Februar 2021

Biathlon

Biathletin des SC Schönwald krönt ihre Saison bei den Welttitelkämpfen in Slowenien / Männerstaffel mit Rees und Doll nur Siebter.

. Was war das für ein spannendes Frauen-Staffelrennen über 4x6-Kilometer bei der Biathlon-Weltmeisterschaft in Slowenien. Gemeint ist nicht der Kampf um den Titel, die Norwegerinnen waren auf der Pokljuka zu stark und liefen vorneweg. Dahinter tobte jedoch der Kampf um die Medaillen und die deutsche Staffel kam noch einmal zurück, obwohl sie schon abgehängt schien.

Wenn eine deutsche Biathlonstaffel an den Start geht, ist stets eine Medaille das Ziel. Nach dem Liegendschießen von Denise Herrmann (WSC Erzgebirge Oberwiesenthal) scheint der Traum frühzeitig zu platzen, denn die dritte Starterin des deutschen Quartetts braucht im liegenden Anschlag alle acht Patronen, um die fünf Scheiben abzuräumen. Die deutschen Frauen fallen auf den achten Platz zurück und liegen 1:16 Minuten hinter der Spitze.

Janina Hettich: "Ich war in der Staffel nicht bei 100 Prozent"

Zuvor ist Janina Hettich (SC Schönwald) als zweite deutsche Starterin auf die Strecke gegangen. Beim Liegendschießen verfehlt sie zwei Scheiben, was in dieser Saison noch nie vorgekommen ist. "Die zwei Nachlader liegend haben mich verunsichert", sagt die beste Schützin der deutschen Biathletinnen, "ich bin immer aufgeregt vor Staffelrennen, besonders natürlich bei einer WM". Startläuferin Vanessa Hinz (SC Schliersee) hat als Dritte an die Schwarzwälderin übergeben, Hettich fällt nach dem ersten Schießen auf Rang sieben zurück. Im stehenden Anschlag trifft sie zwar alle Scheiben auf Anhieb, sie kann jedoch weder Zeit noch Plätze gutmachen. Auf die Spitze verliert sie an Terrain, was allerdings nicht erstaunt, denn da skatet mit Tiril Eckhoff (Norwegen) die derzeit schnellste Läuferin des gesamten Feldes. "Ich habe mich auf der Strecke nicht gut gefühlt, dass ich ausgerechnet im WM-Staffelrennen nicht bei 100 Prozent bin, ist schade", sagt Hettich. Auch wenn es nicht ihre beste Staffelleistung war, ihr Einsatz ist ein Investment in die Zukunft. Mit 24 ist die Schwarzwälderin die Jüngste in der deutschen Mannschaft. Sie wird aus diesen Rennen viel mitnehmen und sich läuferisch in den nächsten Jahren noch steigern. Mit ihren guten Schießleistungen verfügt sie über ein stabiles Fundament.

Franziska Preuß (SC Haag), beste deutsche WM-Starterin und Schlussläuferin, bringt die deutsche Staffel mit zwei tadellosen Schießserien wieder in den Bereich der Medaillen. Sie geht als Zweite auf die Schlussrunde, wird dann jedoch von der Ukrainerin Olena Pidhrushna überholt. Preuß verliert an Boden, der Kampf um Silber scheint entschieden. Die Deutsche hat jedoch den besseren Ski. Auf der kurzen Abfahrt Richtung Ziel fährt Preuß wieder heran – und vorbei. Sie sichert der deutschen Mannschaft die Silbermedaille. "Ich freue mich total, dass es mit der Medaille geklappt hat. Darauf hat man die ganze Saison hingearbeitet. Wir waren heute ein super Team", sagt Hettich, die Staffel-Vizeweltmeisterin.

Was den deutschen Biathletinnen gelingt, bleibt der deutschen Männerstaffel über 4x7,5-Kilometer verwehrt. Sie schafft es nicht, sich zurückzukämpfen. Allerdings ist die Situation der Männer auch sehr viel aussichtsloser. Als "Zusammenbruch des Systems", bezeichnete TV-Experte Sven Fischer das, was dem deutschen Staffel-Startläufer Erik Lesser (SV Eintracht Frankenhain) widerfährt. Bundestrainer Mark Kirchner nennt es "einen körperlichen Ausfall". Lesser bricht total ein. Schon auf der zweiten Runde kann der erfahrene Biathlet das Tempo der Konkurrenten nicht mehr mitgehen, auf der Schlussrunde taumelt er angeschlagen wie ein Boxer Richtung Ziel. Der 32-Jährige schleppt sich über die Strecke und fällt auf Rang 20 zurück. Auf die Frage, ob er einen derartigen Einbruch schon mal erlebt habe, sagt Roman Rees vom SV Schauinsland: "Nein, in dem Ausmaß noch nie."

Rees geht als zweiter deutscher Starter auf Rang 20 mit einer gewissen Aussichtslosigkeit ins Rennen. Die erste Laufrunde muss er allein bestreiten, kein Konkurrent ist vor ihm in Sicht. Rees zeigt das, was man an ihm schätzt: Er absolviert beide Schießeinlagen tadellos und verbessert sich auf Rang 15. "Ich weiß nicht, wie meine Komplexleistung ist. Beim Schießen habe ich es jedenfalls laufen lassen", sagt der 27-Jährige aus Hofsgrund. Der Hinweis eines Experten, Rees habe auf Lukas Hofer (Italien), den schnellsten Skater auf seiner Runde, mehr als eine Minute verloren und das sei zuviel, hinkt gewaltig: Denn Rees musste die 7,5 Kilometer allein laufen und hatte keine Gruppe zum Mitsegeln wie Hofer weiter vorne.

Arnd Peiffer (WSV Clausthal-Zellerfeld) macht an Position drei fünf Plätze gut und übergibt auf Rang zehn an Benedikt Doll. "Halbgas gibt es bei mir nicht. Ich habe schon versucht, das Beste zu geben", sagt der Biathlet der Ski-Zunft Breitnau. Er macht auf der Schlussrunde weitere Plätze gut und erreicht als Siebter das Ziel. Zum Einbruch von Erik Lesser sagt Doll: "Ich verfolge den Rennverlauf, während ich mich warmmache, nur wenig. Ich habe dann gesehen, dass der Erik viel Zeit verloren hat und da war mir klar, dass es nach ganz vorne nicht mehr reichen wird." Der Schwarzwälder erzählt auch, dass Lesser in den Tagen vor dem Staffelrennen unter Rückenproblemen gelitten habe, Einzelheiten wollte Doll nicht nennen. Hinterher ist man immer schlauer, gleichwohl stellt sich die Frage, warum die Trainer einen Biathleten aufstellen, der offenbar körperlich nicht in bester Verfassung war. Und: Zuvor hatte Lesser bei keinem seiner drei WM-Einsätze überzeugt. Im Mixed-Staffelrennen hatte er ebenfalls gegen Ende stark abgebaut und im Sprint mit Rang 66 nicht den Verfolger der besten 60 erreicht.

Die WM endet für Benedikt Doll mit einer Enttäuschung

Im Staffelrennen hat Benedikt Doll neun der zehn Scheiben getroffen. "Mein Stehendschießen war richtig gut. Ich habe mir noch einmal Selbstvertrauen für den Massenstart geholt." Das Rennen über 15 Kilometer mit vier Schießeinlagen bildet den Abschluss der WM. Doch der Wettkampf der besten 30 ist für Doll schon nach rund acht Minuten gelaufen. Beim ersten Liegendschießen schießt er bei fünf Versuchen dreimal vorbei. Der 30-Jährige muss drei Strafrunden drehen und geht als 30. und Letzter wieder auf die Strecke. Sechs Schießfehler kommen zusammen, die WM endet für Doll auf Rang 23. Drei durchwachsenen Auftritten in den Solorennen (31./39./23.) steht eine Top-Ten-Platzierung gegenüber. Im Einzelwettkampf räumt er 18 der 20 Scheiben ab und wird Achter. Eine gute Komplexleistung, aber keine perfekte. Die wäre jedoch nötig gewesen, um in die Nähe der Medaillen zu kommen.