Kirei

Japanische Reinheitskultur sorgt bei Fußball-WM in Katar für Aufsehen

Felix Lill

Von Felix Lill

Mi, 30. November 2022 um 18:08 Uhr

Panorama

Bei jeder Fußball-WM sieht die japanische Kabine nach einem Spiel sehr ordentlich aus – auch in Katar. Dahinter stehen Werte wie Regeltreue und Respekt gegenüber den Gastgebern. Dies ist kein Zufall.

Es war das Bild, das sogar diejenigen begeisterte, die sich für Fußball nicht begeistern können: eine blitzblankgeputzte Umkleidekabine, aufgenommen nach dem Spiel, und das auch noch nach einem heroisch erkämpften Sieg, der viel Grund zum Feiern gegeben hatte. Bei der Fußball-WM hatte Japan am 23. November sein erstes Gruppenspiel nach einem frühen Rückstand 2:1 gegen Deutschland gewonnen. Aber die Kabine sah eben nicht aus wie das Schlachtfeld nach einer Siegesfeier. Im Gegenteil. Das Foto, das die Putzkolonne im Gastgeberland Katar aufgenommen hatte, markierte eine Sensation, weil sie offenbar ein japanisches Alleinstellungsmerkmal dokumentiert hat.





Neu sind die Bilder der Japaner in Katar nicht: Bei jeder Weltmeisterschaft sieht die japanische Kabine nach einem Spiel sehr ordentlich aus. Wenn die von Leistungsträgern deutscher Bundesligisten geprägten "Samurai Blue" diesen Donnerstag gegen Spanien um den Einzug ins Achtelfinale kämpfen, dürften die Putzkräfte der WM den Japanern die Daumen drücken. Der Wunsch, im Ausland einen positiven Eindruck von der eigenen Kultur zu hinterlassen, ist in Japan wohl stärker ausgeprägt als anderswo.

Hinter den sauberen Kabinen der japanischen Athleten stehen Werte wie Regeltreue und Respekt gegenüber den Gastgebern. Dies ist kein Zufall, handelt es sich dabei doch um wichtige Tugenden im ostasiatischen Land. So beobachtet man auch bei japanischen Fußballfans im In- und Ausland, wie sie die von ihnen besetzten Teile der Tribüne nach dem Spiel aufräumen, ehe sie das Stadion verlassen.

Japans Urreligion Shinto legt auf Sauberkeit viel Wert

Seinen Ursprung hat dies vermutlich in der japanischen Urreligion Shinto, die auf Sauberkeit viel Wert legt. Vor dem Besuch in einem Schrein wäscht man sich die Hände, teils auch den Mund, um für den Besuch bei den Göttern möglichst rein zu sein.

Das japanische Wort "kirei" bedeutet sowohl schön als auch sauber. Daher verwundert kaum, dass das Straßenbild japanischer Städte im Vergleich zu anderen Ländern meist sehr sauber ist. Praktisch niemand wirft seinen Müll auf den Boden, in größeren Städten kehren Putzkolonnen nächtens die Straße. In der Schule lernt der Nachwuchs auch nicht nur Mathematik, Schriftzeichen und Geschichte, sondern auch das korrekte Kehren des Bodens und andere Grundregeln des Putzens. Den eigenen Dreck zu entfernen, gilt hier nicht als lästige Aufgabe, die man lieber anderen überlässt, sondern als Teil der eigenen Verantwortung.



Vor diesem Hintergrund lässt sich auch erklären, warum die japanische Gesellschaft mit der Buchautorin Marie Kondo über die vergangenen Jahre eine Art Superstar des Aufräumens hervorbrachte. Kondo brachte die Ordnung und das Aufräumen mit einer Grundidee des Shinto zusammen: Die Wertschätzung für alles – nicht nur Menschen, sondern auch Gegenstände, die einem dienlich sind. Kondo wurde damit weltberühmt, formulierte aber eigentlich eine japanische Banalität. So ist es in Japan kaum eine Schlagzeile wert, dass die heimische Nationalmannschaft im Ausland Kabinen säubert, obwohl es dafür professionelles Personal gibt.

Mehr zum Thema: