"Jeder Tropfen ist sehr kostbar"

Gerd Höhler

Von Gerd Höhler

Fr, 08. Januar 2021

Panorama

Regenarmut, marode Leitungen, ein hoher Verbrauch: Die Türkei leidet unter Wassermangel.

. Den Menschen in der Bosporusmetropole Istanbul droht das Trinkwasser auszugehen. Auch andere türkische Großstädte leiden unter Wassermangel. Abhilfe ist nicht in Sicht.

Die Religionsbehörde Diyanet rief, und die Gläubigen kamen: Zahllose Menschen beteten in den 81 türkischen Provinzen um Regen. Das war am 11. Dezember. Geholfen hat es bisher nicht. Nach zwei extrem niederschlagsarmen Jahren hat es auch in diesem Winter bisher viel weniger geregnet als normal. Im Januar 2019 waren die Stauseen, aus denen Istanbul den Großteil seines Trinkwassers bezieht, noch zu 83 Prozent gefüllt. Ein Jahr später waren es 39 Prozent. Jetzt fielen die Vorräte auf 19 Prozent.

Ali Ugurlu, Chef der türkischen Ingenieurkammer, warnt: "Das Wasser in den Stauseen reicht noch für maximal 45 Tage." In anderen Großstädten ist die Lage ähnlich bedrohlich: "Ich verbringe schlaflose Nächte, die Aussichten sind düster", sagt Tunc Soyer, Bürgermeister von Izmir. Die Talsperren in der Umgebung seiner Stadt sind nur noch zu einem Drittel gefüllt – halb so viel wie vor einem Jahr.

In der Industriestadt Bursa reichen die Vorräte laut den Behörden noch für drei Monate. Kritisch ist die Situation auch in der Hauptstadt Ankara: Die Stauseen sind dort noch zu einem Fünftel gefüllt. "Das reicht für 110 Tage", rechnet Erdogan Öztürk vor, der Generaldirektor der Wasserwerke. "Jeder Tropfen Wasser ist sehr kostbar", mahnt der Amtschef.

Die Wasserknappheit hat viele Ursachen. Die Dürre, die viele Wissenschaftler auf den Klimawandel zurückführen, ist eine. Ein weiterer Grund sind die vielerorts maroden Leitungsnetze. In Istanbul gehen 22 Prozent des Trinkwassers durch Lecks verloren. Hinzu kommt ein hoher Verbrauch. Die sechs Millionen Einwohner Ankaras konsumieren pro Kopf am Tag 250 Liter Wasser – doppelt so viel wie in Deutschland. Vor allem aber das rasante Bevölkerungswachstum strapaziert die Ressourcen: Die Bevölkerung Ankaras hat sich seit Ende der 1970-Jahre verdreifacht, die Einwohnerzahl Istanbuls verdoppelte sich in den vergangenen 25 Jahren auf 16 Millionen.

Die Regierung plant 150 neue Staudämme nahe von Großstädten, aber das braucht Zeit. So soll am fast 200 Kilometer östlich von Istanbul verlaufenden Fluss Melen eine Talsperre gebaut und das Wasser durch eine Pipeline an den Bosporus geleitet werden – in vier Jahren. Bis dahin heißt es: Wasser sparen, auf Regen hoffen. Immerhin: Für das Wochenende prognostizieren die Meteorologen Istanbul kräftige Niederschläge.