Virtuell

Kann der E-Sport von der Corona-Krise profitieren?

dpa, str

Von dpa & Andreas Strepenick

Di, 14. Juli 2020 um 18:15 Uhr

E-Sport

Während der Profi-Sport coronabedingt pausieren musste, siedelten die Athleten ins Virtuelle über. "Home Challenge" statt Bundesliga. Wie geht es weiter, wenn die echten Veranstaltungen wieder starten?

Es war ein weit verbreitetes Phänomen: Während der Profi-Sport coronabedingt pausieren musste, siedelten die Athleten ins Virtuelle über. Statt Bundesliga im Stadion gab es die "Bundesliga Home Challenge" im Konsolenspiel "Fifa 20", statt Formel 1 auf dem Asphalt die Virtual Grand Prix im Spiel "F 1 2019". Ersatzunterhaltung für die Fans des klassischen Sports – die zudem mehr Aufmerksamkeit für den E-Sport brachte.

"Das Interesse an E-Sport ist in Zeiten der Corona-Pandemie deutlich gestiegen", sagt Felix Falk, Geschäftsführer des Verbands der deutschen Games-Branche. "Zum einen haben sich aufgrund der verhängten Ausgangssperren die Teilnehmerzahlen von Online-Turnieren erhöht. Zum anderen sind auch die Zuschauerzahlen von E-Sport-Wettkämpfen im Livestream und TV gewachsen." Die Ersatz-Events des Sports hätten dabei ebenfalls eine Rolle gespielt.

Auch im E-Sport fallen jetzt viele Live-Events aus

Doch wie nachhaltig kann diese Entwicklung sein, wenn Bundesliga, Motorsport und Co. wieder laufen? "Einige der Zuschauer werden die digitalen Wettkämpfe sicherlich künftig auch ergänzend zu ihrem bisherigen Sportprogramm schauen", vermutet Falk. Wie viele das sein werden, lasse sich jetzt jedoch noch nicht sagen. Doch sportnahe Simulationen spielen in der gesamten Branche zumindest im Augenblick noch eine untergeordnete Rolle. Spiele wie "League of Legends", "Counter-Strike: Global Offensive" (CS:GO) oder "Dota 2" ziehen deutlich mehr Zuschauende an als "Fifa20" oder "NBA 2K 20".

"Wenn ich mir die Zahlen von der ESL Pro League anschaue, dann haben wir in der Gruppenphase bereits den Rekord der vergangenen Saison geknackt", sagt Christopher Flato, Pressesprecher des weltweit größten E-Sport-Turnierveranstalters ESL. Die Pro League ist die höchste Spielklasse des Veranstalters im Taktik-Shooter CS:GO. "Wenn es allein um die Aufmerksamkeit geht, dann hat E-Sport tatsächlich gerade einen guten Lauf in dieser Zeit – auch, weil andere Unterhaltungsformate im Moment nicht stattfinden." Doch trotz der gestiegenen Aufmerksamkeit muss auch der E-Sport wegen Corona hart kämpfen. Eines der wichtigsten Events der ESL jedes Jahr ist etwa die ESL One Cologne: eine riesige Veranstaltung in der ausverkauften Kölner Lanxess-Arena mit 15 000 jubelnden Fans. Dieses und unzählige weitere Turniere gingen und gehen in den Online-Modus über. Die Spieler treten von zu Hause aus an, die Produktion für die Streams geschieht im Homeoffice.

Und damit müssen die Veranstalter trotz größerer Aufmerksamkeit auf Umsatz verzichten, darunter Ticket- und Merchandise-Verkäufe. Zwar ist Sponsoring dem Marktforschungsinstitut Newzoo zufolge die wichtigste Einnahmequelle. Aber auch hier gibt es Probleme: "Viele Unternehmen reduzieren aufgrund der Corona-Pandemie ihre Marketing- und Sponsoring-Ausgaben, was dann auch den E-Sport trifft", sagt Falk. Newzoo korrigierte unlängst seine Prognosen für die E-Sport-Branche im laufenden Jahr deutlich nach unten und führte dafür die Pandemie als Hauptgrund an. Die Zahl von einer Milliarde US-Dollar Umsatz weltweit soll nun erst im kommenden Jahr geknackt werden, statt wie ursprünglich prognostiziert im Jahr 2020.

Vereinssport noch skeptisch gegenüber E-Sports

Für weitere Events in Deutschland mit großem Publikum sieht Falk in diesem Jahr kaum Chancen. "Selbst wenn entsprechende Bestimmungen aufgehoben werden, lassen auch viele Unternehmen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgrund der weiter bestehenden gesundheitlichen Gefährdung nicht reisen", sagt Falk. "Alles in allem sind es für die E-Sport-Branche also herausfordernde Zeiten."

Der organisierte Vereinssport in Deutschland steht dem Phänomen E-Sport noch mehrheitlich skeptisch und abwartend gegenüber. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hält es zwar für sinnvoll, sich künftig näher mit den sportnahen Simulationen zu befassen, die für immer mehr Sportarten auf den Markt kommen. Die sogenannten Ballerspiele, bei denen virtuell sogar auf Menschen geschossen wird, will der DOSB aber auch künftig ausdrücklich nicht als Sport ansehen.