Randale in Stuttgart

Kein weiter Schritt vom Saufen zum Flaschenwerfen

Frank Holstein

Von Frank Holstein (Heuweiler)

Mi, 01. Juli 2020

Leserbriefe

Zu: "Spur der Verwüstung", Beitrag von Dominique Leibbrand und Agentur (Politik, 22. Juni)
In dem Text schreiben Sie: "In den Sommermonaten sammelt sich dort, an dem Platz vor der Oper, traditionell ein buntes Feiervolk." Dies ist nicht ganz richtig und mindestens ein in die Irre führender Euphemismus. Aber wahrscheinlich, so fürchte ich, handelt es sich auch diesmal wieder um den verzweifelten Versuch, politisch korrekt zu sein.

Mein letzter Besuch in Stuttgart war Ende Januar, und wir sind damals nachts auf dem Weg zu unserem Auto über den Schlossplatz und besagten Platz vor dem Staatstheater gelaufen. Vielleicht liegt es daran, dass ich nur noch selten nach Stuttgart komme und von daher etwas Abstand habe; auch mag es daran liegen, dass ich schon 20 Jahre in der wohlbehüteten "badischen Provinz" lebe – jedenfalls hatte ich mein altes Stuttgart, wo ich immerhin fast zehn Jahre gelebt hatte, nicht wieder erkannt. Alle paar Meter lungerten viele Gruppen mehrerer junger Leute trinkend, rauchend und laut Musik hörend herum. Sicher weit über 100 Personen. Das war definitiv nicht, wie Sie schreiben, im Sommer, und das war definitiv kein "buntes Feiervolk". Ich empfand es als beängstigend und latent aggressiv. Und ich hatte damals unseren Stuttgarter Freunden bereits gesagt, dass ich diesen Weg niemals wieder gehen möchte.

Aus dieser Erfahrung frage ich mich heute, wie man in Stuttgart ernsthaft überrascht sein kann. Vielleicht ist es doch kein weiter Schritt vom schamlosen Grölen und Saufen in der Öffentlichkeit bis zum Werfen der Wodka- und Bierflaschen. Also erfreuen wir uns weiter am bunten Feiervolk. Frank Holstein, Heuweiler