Keine Normalität im Corona-Rekordland

dpa

Von dpa

Mo, 20. Juli 2020

Eishockey

Als die US-Ligen ihre Comeback-Pläne bekannt machten, hofften viele auf ein Zeichen der Besserung – doch die Realität sieht anders aus.

Corona zumindest gedanklich zu entkommen, scheint selbst umgeben von Zeichentrickfiguren in der Basketball-Blase in Disney World unmöglich. "Yeah, du kannst nirgendwo hingehen, ohne daran erinnert zu werden", berichtete Doc Rivers am Wochenende. Überall müsse man sich anmelden, ständig bekomme man die Temperatur gemessen, jeder trage eine Maske, sagte der Cheftrainer der Los Angeles Clippers. Nichts ist normal derzeit, in den USA noch weniger als in anderen Ländern der Welt. Nirgendwo gibt es mehr Menschen mit Sars-CoV-2-Infektionen, nahezu täglich gibt es einen Rekord. Und der Sport? Schafft sich Parallelwelten und legt los.

Ob die US Open tatsächlich Ende August beginnen, bezweifeln zwar auch die Topspieler wie Dominic Thiem inzwischen öffentlich. Die Motorsportserie Nascar aber lässt mittlerweile sogar wieder einige tausend Fans an die Rennstrecken. Die PGA-Tour der US-Golfer beobachtete am Wochenende beim sechsten Turnier nach der Corona-Pause den ersten Auftritt von Tiger Woods, die Fußballer kicken in der MLS um den Sieg in einem neu erfundenen Turnier – und in den kommenden beiden Wochen melden sich auch drei der vier größten US-Ligen mit dem Spielbetrieb zurück.

Am Mittwoch sind die Clippers rund 3500 Kilometer von ihrer Heimat entfernt in Florida auf dem Papier die Gastgeber des ersten Aufeinandertreffens zweier NBA-Teams seit vier Monaten. Sie messen sich auf dem Gelände des Unterhaltungskonzerns Disney in einem Testspiel mit den Orlando Magic, es ist das erste von insgesamt vier solcher Begegnungen an diesem Tag. Alle mit dem Ziel, die Basketballer für die Fortsetzung der Saison am 30. Juli in Form zu bekommen. Der Aufwand ist gigantisch und übersteigt die Dimensionen des Finalturniers in der Basketball-Bundesliga in München um ein Vielfaches.

Am 23. Juli eröffnen dann die New York Yankees und die Washington Nationals die Saison in der Major League Baseball. Die Begegnungen werden ähnlich wie in der Fußball-Bundesliga ohne Zuschauer an den Heimspielorten ausgetragen – so zumindest war der Plan, der seit Samstag allerdings nicht mehr funktioniert.

Am 28. Juli schließlich gibt es erstmals seit der Corona-Pause wieder Eishockey unter Beteiligung von NHL-Teams. Unter anderem die Edmonton Oilers um NHL-Topscorer und MVP-Kandidat Leon Draisaitl testen ihre Form, bevor es dann am 1. August mit den erweiterten Playoffs in die Schlussphase der unterbrochenen Saison geht. Die NHL hat sich dafür allerdings komplett aus den USA verabschiedet und spielt in den kanadischen Städten Edmonton und Toronto.

Damit all die Mannschaften zu den beiden Spielorten reisen können, brauchte die NHL aber das OK der kanadischen Regierung. Denn noch bis mindestens 21. August ist die Grenze zwischen den USA und seinem Nachbarland im Norden für alle nicht notwendigen Reisen gesperrt; wer dennoch einreist, muss 14 Tage in Quarantäne. Bei einer einmaligen Einreise der Mannschaften hielt man das für vertretbar – fortwährende Reisen großer Gruppen aus und in die USA will das Land dagegen nicht. Das machte der kanadische Immigrationsminister am vergangenen Wochenende noch einmal deutlich. Das Baseball-Team der Toronto Blue Jays darf deswegen nicht wie geplant im heimischen Stadion gegen seine Gegner aus den USA antreten. "Von besonderer Bedeutung: Die Toronto Blue Jays müssten in Gegenden spielen, wo das Übertragungsrisiko des Virus weiter hoch ist", sagte Marco Mendicino. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass diese Reisen die Gesundheit und Sicherheit von Kanadiern nicht ausreichend schützten.

Die Zahl der nachgewiesenen Neuansteckungen ist in den USA seit Mitte Juni im Zuge der Lockerungen der Corona-Auflagen dramatisch gestiegen – vor allem im Süden und Westen des Landes. Zahlreiche Bundesstaaten haben daher die phasenweise Wiedereröffnung der Wirtschaft gebremst, pausiert oder Lockerungen der Eindämmungsmaßnahmen zurückgenommen. In dem Land mit rund 330 Millionen Einwohnern haben sich bereits mehr als 3,5 Millionen Menschen nachweislich mit Sars-CoV-2 infiziert. Rund 138 000 Menschen starben im Zusammenhang mit dem Virus.

Dass den Sportlern diese Gefahr durchaus bewusst ist, zeigen die derzeit laufenden Debatten in der NFL. Die beginnt ihre Saison zwar erst im September, aber schon an diesem Montag sollen die ersten Profis der Kansas City Chiefs und der Houston Texans zum Training antreten. Noch gibt es zwischen der Liga und der Spielergewerkschaft keine Einigung, wie die Spieler, die in ihrem normalen Umfeld wohnen, mit Gesundheitsregeln und Tests vor einer Ansteckung geschützt werden sollen.