Waldshut-Tiengen

Kirche beheimatet Fledermäuse und wird dafür ausgezeichnet

Manfred Dinort

Von Manfred Dinort

Fr, 03. Juli 2020 um 17:08 Uhr

Waldshut-Tiengen

Knapp 300 Fledermäuse einer bedrohten Art haben sich im Turm der Pfarrkirche in Waldkirch eingenistet. Dort ziehen sie Jungtiere auf. Daher zeichnet der Nabu die Kirche mit einer Ehrenplakette aus.

Eine Auszeichnung für ein Gotteshaus: Weil sie ein sicheres Zuhause für die bedrohte Fledermaus bietet, bekam die Pfarrkirche Waldkirch die Ehrenplakette des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) verliehen. Überreicht wurde das kleine Täfelchen mit der Aufschrift "Lebensraum Kirchturm" durch den Vorsitzenden der Nabu Ortsgruppe Waldshut-Tiengen, Hauke Schneider. Gemeinsam mit Mesnerin Inge Schmidt brachte er die Plakette am Portal der Kirche in Waldkirch an.

Fast 300 Weibchen und Jungtiere bevölkern den Kirchturm

Begleitet wurde die Aktion von den Fledermausbeauftragten der Nabu Freiburg, Beate Hippchen und Franz Aiple. Zuvor hatten beide den Kirchturm bestiegen, um die Mausohren-Fledermauskolonie zu kontrollieren und eine Zählung durchzuführen. "Wir haben fast 300 Tiere gezählt, alles Weibchen mit ihren Jungen", berichtete Beate Hippchen. Die Tiere nutzen den Turm als "Wochenstube", ziehen also dort ihren Nachwuchs auf, während die Männchen ihr Quartier anderswo haben, vielleicht im Wald, in einer Höhle oder in einem anderen Gebäude.

Die Weibchen bekommen ihre Jungen in der Regel alle am gleichen Tag, aber jeweils nur eines. Die Jungen brauchen sechs Wochen, bis sie flügge sind. Im Herbst fliegen sie aus und steuern das Quartier der Männchen an, das jetzt zum "Balzquartier" wird. Dann beziehen sie gemeinsam ein frostsicheres Winterquartier, etwa unter Brücken, in einem Tunnel oder in Höhlen. Während des Winterschlafes verlieren sie ein Drittel ihres Gewichts, obwohl sie nur ganz selten einen Ausflug unternehmen.

Im März/April setzt das langsame Erwachen ein und der Jahreszyklus beginnt aufs Neue. Weil die Tiere nachtaktiv sind, ist die Zahl ihrer Feinde begrenzt: Dohle, Schleiereule, Uhu und Turmfalke. Einzigartig ist der Orientierungssinn der Tiere, der auf dem Ultraschall und dem Echolotsystem basiert. Doch der Lebensraum der Tiere wird immer knapper. Gründe dafür sind die intensiv geführte Land- und Forstwirtschaft, der Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln, der Straßenverkehr und in der Konsequenz das knapper werdende Nahrungsangebot.

Fledermäuse und ihre Brutstätten stehen unter Naturschutz

Längst stehen die Tiere unter Naturschutz, ihre Brutstätten dürfen nicht angetastet werden, obwohl sie nicht immer nach dem "Geschmack" des Hauseigentümers sind: Es fällt haufenweise Kot an. In Waldkirch wird der Kot von einer Reinigungsfirma eingesammelt, gewogen und von Experten untersucht. Das Fazit der Nabu-Beauftragten: "Wir sind bemüht, wenigstens einmal jährlich jede Kolonie unseres Bezirkes zu besuchen, das sind rund 150 Stationen." Dabei wird auch Statistik geführt: Mit 650 Tieren wurde 2009 in Waldkirch die höchste Population gezählt.

Seit 50 Millionen Jahren bevölkern Fledermäuse die Erde. Sie sind die einzigen Säugetiere, die je den aktiven Flug erlernt haben. Das Leben in der Dunkelheit, ihre Fähigkeiten, mit den Ohren zu sehen und mit mehr als 800 Herzschlägen pro Minute durch die Lüfte zu sausen, sind nur einige der Aspekte, die diese Tiere so einzigartig machen. Heute leben auf der Erde mehr als 1200 Fledermausarten, die Mehrzahl von ihnen bewohnen die tropischen Klimazonen. Dies liegt daran, dass alle Fledermausarten gerne ein warmes Klima mögen. Je weiter man sich nach Norden bewegt, desto geringer ist die natürliche Artenvielfalt der Fledermäuse. In Deutschland leben 25 Arten.