Erinnerung an vergessene Opfer

Hartwig Kluge

Von Hartwig Kluge

Sa, 29. Juni 2019

Kirchzarten

In der Geschichts-AG befassen sich Schüler des Stegener Kollegs mit Euthanasie-Verbrechen im Dreisamtal.

STEGEN. Was ist es für ein Glücksfall, wenn Schüler einen Geschichtslehrer haben, der sie für sein Fach begeistern kann und ihnen die Chance bietet, tief in die Lokalgeschichte einzutauchen: Auf Initiative von Claudius Heitz haben sich Schüler des Kollegs St. Sebastian in Stegen mit dem Thema Euthanasie im Dreisamtal auseinandergesetzt. Die Ergebnisse der Nachforschungen präsentierten die Schüler nun der Öffentlichkeit.

Bereits im vergangenen Schuljahr hat Claudius Heitz mit der Geschichts-AG das Schicksal der jüdischen Familie Günzburger erforscht. Drei Schüler wurden dafür mit dem Landespreis für Heimatforschung ausgezeichnet. Nun haben sich die Schüler mit dem tabuisierten Thema der Euthanasie befasst. Wie groß das Interesse heute, fast 80 Jahre nach diesem unfassbaren Geschehen, ist, zeigte der Andrang im Ökumenischen Gemeindezentrum. Trotz Sommerhitze kamen mehr als 100 Zuhörer zu einem Vortrag über Hitlers vergessene Opfer.

Claudius Heitz erläuterte zu Beginn, dass die Ermordung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen durch Ärzte und Pfleger im Dritten Reich zu den ersten systematischen Massentötungen der Nationalsozialisten gehörte. In der sogenannten "T 4-Aktion" wurden 1940 rund 70 000 Menschen getötet. Es dauerte lange, bis diese furchtbaren Verbrechen in das Bewusstsein der Öffentlichkeit drangen, und bis heute ist der Aufklärungsprozess nicht abgeschlossen. Auch im Dreisamtal ist dieser Teil der NS-Geschichte bisher noch unbekannt, lediglich im engsten Familienkreis gibt es Erinnerungen an einige wenige Euthanasie-Opfer.

Die Geschichts-AG des Kollegs St. Sebastian hat es sich im laufenden Schuljahr zur Aufgabe gemacht, den Spuren dieser Opfer nachzugehen. Im Gemeindearchiv Kirchzarten, im Staatsarchiv Freiburg und im Dokumentationszentrum in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb sammelten sie Informationen und Opfernamen und waren erschüttert über das Ausmaß der Euthanasie-Verbrechen an Dreisamtäler Männer und Frauen.

In verschiedenen Beiträgen stellten die Schüler Simon Buchgeister, Kays Allgaier, Jakob Seidel, Sidonie Hahlbrock, Adelheit Prinz, Simon Jessl und Paul Lieb ihre Forschungsergebnisse vor. Dazu gehört etwa das Schicksal von Wilhelmine Hitz, deren Familie nur wusste, dass sie nach Emmendingen gekommen ist. Nie wurde ihre Todesursache erwähnt. Genauso erschütternd ist das Schicksal von Flora Meder, die nach ihrer Heirat psychisch erkrankte, ebenfalls nach Emmendingen kam und 1940 ermordet wurde.

Ernsthaftigkeit und Empathie der Schüler beeindrucken

Überhaupt Emmendingen: Die 1889 dort gegründete "Heil- und Pflegeanstalt" galt anfangs als fortschrittlich. Doch unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde sie zum Ausgangsort der Euthanasie-Transporte vor allem nach Grafeneck. Am Ende der "T 4-Aktion" waren von 1245 Insassen nur noch 185 am Leben. Gesicherte Erkenntnisse gibt es von 14 Opfern aus dem Dreisamtal.

Claudius Heitz betonte, dass all das Geschilderte noch kein abgeschlossenes und vollständiges Bild ist. Und er schlug vor, wenn sich die "T 4-Aktion" nächstes Jahr zum 80. Mal jährt, im Dreisamtal eine angemessene Form des Gedenkens zu suchen, vielleicht in Form einer Gedenktafel.

Beeindruckend war es für die Zuhörer, den persönlichen Erfahrungen der Schüler in Zusammenhang mit diesem Projekt zu folgen. Es war viel Ernsthaftigkeit und Empathie zu spüren.