Kunst

Freiburger Chirurg stellt in Kirchzarten Bilder aus, die sich mit dem Blickwinkel verändern

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Mo, 18. März 2019 um 15:29 Uhr

Kirchzarten

Der Chirurg Rainer Schmelzeisen hat eine Leidenschaft für Linsenraster-Vexierbilder. Seine Lichtinstallationen, die er momentan in Kirchzarten ausstellt, sorgen beim Betrachter für Aha-Effekte.

Rainer Schmelzeisen ist nicht nur als Ärztlicher Direktor und Chirurg in der Freiburger Universitätsklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am OP-Tisch höchst kunstfertig zu Gange, er bewegt sich ebenso sicher auf dem wackligen Boden der Linsenraster-Vexierbilder. Dies ist wörtlich zu nehmen: Die älteren Jahrgänge erinnern sich sicher an die heiß begehrten Wackelbilder, die Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre Kaugummi-Packungen beigegeben wurden und für Kinder fast wichtiger waren als der süße Gaumenschmaus und die emsig untereinander getauscht wurden.

Mit der Lentikulartechnik bearbeitet Schmelzeisen Fotografien, Artefakte und Schriftzüge

Und genau mit dieser sogenannten Lentikulartechnik bearbeitet Schmelzeisen eigene Fotografien, verschiedenste Artefakte und Schriftzüge, die er neu in spannungsgeladener Beziehung zusammensetzt und in meist großformatigen Lichtkästen präsentiert. Diese sind häufig ausgediente klinische Röntgenbildschirme. Je nach Veränderung des Blickwinkels wird bei seinen Installationen von einem zunächst solitären Motiv, ähnlich wie bei einer Filmblende, eine überraschende Verbindung zu einem völlig anderen Bildinhalt geschaffen. Manchmal provokant-verstörend, manchmal satirisch und voller Komik.

Diese fließende Mutation animiert den Betrachter, "sich näher mit dem Objekt zu beschäftigen". So sah es treffend Jürgen Fiederlein, Vorsitzender des Kunstvereins Kirchzarten, bei der Vernissage der aktuellen Ausstellung in der Alten Evangelischen Kirche. Bei der die Besucher empfangenden Eingangssäule sind je nach Perspektive die Abbildungen einer sinnlich posierenden nackten Frau und ein Ausschnitt aus der Phalanx der ausgegrabenen vieltausendköpfigen chinesischen Terracotta-Armee sichtbar, hinterlegt mit dem Schriftzug des Bob Marley-Titels "Time will tell". Fiederlein interpretierte die Leuchtstele als moderne Adaption des vor allem in der Barockzeit häufig bearbeiteten Vanitas-Motivs. Der Antagonismus von Leben und Tod, die permanente Vergänglichkeit, komme hierbei plakativ zum Ausdruck.

Bei einem veränderten Blickwinkel verändert sich auch das Bild

Diese Widersprüchlichkeit äußert sich ebenfalls in einer Installation in der Apsis des ehemals sakralen Kunstraums. Blickt man von links auf den Leuchtkasten, sieht man in schwarz-weiß die Szene einer Seebestattung, bei der ein Mann ein großes Blumenbukett über die Reling eines Schiffes hält. Wandert man langsam zur Mitte und nach rechts, taucht aus den Meeresfluten überdimensional in Farbe eine attraktive Frauenphysiognomie mit einem Blumenkranz um die Stirn auf.

Doch es geht nicht immer so ernsthaft zu. So sieht man bei einer anderen Arbeit das Abbild eines Werbeslogans "Invisible Green Man für 59,99 Dollars" und bei minimaler Veränderung des Blickwinkels taucht ein Gelbwesten-Mann auf. Alle Exponate sorgen für ähnliche Aha-Effekte, manchmal nicht auf den ersten Blick, und regen die eigene Phantasie auf höchst angenehme, mitunter vergnügliche Weise an.

Etwas unterschieden von den Installationen hängt zentral aus der Apsis den gesamten Raum überschauend eine Leuchtschrift: "But I’m sorry, I don’t pray that way". Dies in einer ehemaligen Kirche wird sofort zur Pointe und Fiederlein sah darin ein programmatisches Statement, das man für die Arbeit des Kunstvereins adaptieren könnte.
Die Ausstellung ist bis zum 7. April immer am Freitag, Samstag und Sonntag von 17 bis 19 Uhr in der Alten Evangelischen Kirche, Burgerstraße 8, geöffnet.