Der nötige Schuss Dreivierteltakt

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 14. Januar 2020

Klassik

Sogar mit Beethoven: Das von Andris Nelsons geleitete Neujahrskonzert 2020 der Wiener Philharmoniker jetzt auf CD.

Es heißt, die Wiener Philharmoniker könnten ihr Neujahrskonzert auch ohne Dirigenten spielen. Das ist sicher nicht falsch. Aber der Dirigent – bislang ist noch keine Frau mit dieser populären Aufgabe betreut worden – setzt die Nuancen. Die Feinheiten, die Rubati, wie man ein Walzerthema sich langsam entwickeln lässt, wie man auf Melancholie mit Energie antwortet. Kurzum – wie wienerisch ein Wiener Walzer am Ende klingt.

Andris Nelsons stammt zwar aus Riga, aber den nötigen Schuss Dreivierteltakt hat der sympathische Lette ganz offenbar im Blut. Bei seinem Neujahrskonzert-Debüt in diesem Jahr im Großen Musikvereinssaal lässt er den großen drei Konzertwalzern von Johann Strauß "Wo die Zitronen blüh’n", "Freut euch des Lebens" und "Seid umschlungen, Millionen!" viel Sorgfalt im Detail angedeihen. Gerade die Vorspiele, wie das ausgedehnte zu Letzterem, den Strauß seinem Freund Johannes Brahms gewidmet hat, geraten sinfonisch. Und die ersten zentralen Walzerthemen schwingen sich ganz langsam, wie große Turbinenräder ein. Im Falle von "Dynamiden", dem großartigen Konzertwalzer des begabten Johann-Strauß-Bruders Josef bleibt Nelsons zunächst ganz im langsamen Walzertempo. Der Walzer, dessen Vorspiel signalisiert, dass dem Komponisten Lohengrin’sche Transzendenz näher war als der Ballsaal, entwickelt wirklich jene geheimen Anziehungskräfte, die sein Untertitel schon verrät.

Bei den Ouvertüren bleibt ein leicht disparater Eindruck. Während Carl Michael Ziehrers "Landstreicher" den Wiener Feschak-Stil des galanten Fin de Siècle um 1900 ausstrahlen, gerät Franz von Suppés berühmte "Leichte Kavallerie" zur schweren Kürasserie – als dirigierte der Schatten Herbert von Karajans mit. Großen Spaß bereiten dagegen die Petitessen: die Polkas – ob schnell oder langsam. Und da das Programm wieder besonders viele Neujahrskonzert-Debüts beinhaltet, erwartet einen manche Entdeckung. Lieblich, entzückend – purer Jugendstil ist die Gavotte von Josef Hellmesberger II, der einst selbst Konzertmeister dieses Traditionsorchesters war und später sogar Hofkapellmeister. Beim Postillon Galop des Dänen Hans Christian Lumbye greift der studierte Trompeter Nelsons selbst in die Ventile, wie man im Fernsehen sehen konnte: auch klanglich eine klare Sache.

Dass dieses Mal Beethoven – erstmals – im Neujahrskonzert-Programm war: Es ist keine Überraschung. Und die sechs Nummern aus den Zwölf Contretänzen unterstreichen letztlich nur eines: Der Weg von der Wiener Klassik zu Strauß & Co. war kein Abweg, sondern ein ganz direkter, wienerischer.

Neujahrskonzert 2020. Wiener Philharmoniker. Leitung: Andris Nelsons. Zwei CDs (Sony).