Klassik

Igor Levit meistert Erik Saties Marathonstück "Vexations"

Carolin Buchheim

Von Carolin Buchheim

Mo, 01. Juni 2020 um 16:27 Uhr

Klassik

"Vexations" von Erik Satie besteht aus 840 Wiederholungen eines Grundmotivs. Der Berliner Pianist Igor Levit hat das hypnotische Stück in fünfzehneinhalb Stunden bewältigt – live im Netz.

Menschen lieben Herausforderungen, selbst wenn diese Dritten wenig sinnhaft erscheinen. Sie laufen Marathon, steigen auf den Mount Everest und durchqueren die Antarktis. Am vergangenen Samstag um 14 Uhr setzte sich der Pianist Igor Levit in Berlin für eine musikalische Extremleistung an einen Flügel: Er spielte Erik Saties "Vexations" .

Ein Stück Musik, das das Bewusstsein verändert

"Vexations", auf deutsch "Quälereien", entstanden wohl 1893, ist ein absurdes Stück Musik. Seine Notenfolge ist nur13 Zählzeiten lang – und soll 840 Mal gespielt werden, und zwar"trés lent", bitte. In der bekanntesten Aufführung wurde das Stück von John Cage und elf weiteren Musikern, darunter John Cale, 1963 in 18 Stunden und 40 Minuten bewältigt. Peter Evans brach 1970 bei der 595. Wiederholung ab, weil er Visionen hatte. Gavin Bryars wähnte während einer Performance mit Christopher Hobbs über Stunden jemanden hinter sich stehen – es war jedoch nur das Geräusch seines Hemdkragens. Musiker, die Vexations gespielt haben sagen, es habe sie verändert.

"Oh Mann!" Igor Levit in Stunde sieben seine Performance
Der 33-jährige Levit, ein Mann ohne Angst vor Extremen, stellte sich der Herausforderung alleine, nur durch Hunderttausende im Netz beobachtet. Livestreams liegen ihm: in den ersten Wochen der Pandemie spielte er allabendlich aus seinem Wohnzimmer ins Netz, mit den Hausschuhen unter dem Flügel. Sein Ziel für die "Vexations"-Performance: Auf die Herausforderungen der Pandemie für Kulturschaffende hinzuweisen. Das monotone Stück fühle sich für ihn an "wie ein stummer Schrei", es passe zum Gefühl der Krise. Der Stapel der 840 Notenblätter war das Zeitmaß der Performance, das Geräusch ihres Heruntergleitens auf den Boden ihr perkussives Element.



Vollständiger Live-Stream auf Periscope: Igor Levit Vexations

Die ersten Stunden spielte Levit kontrolliert, wie ein Marathonläufer, der sich nach dem Start zunächst bändigt um zu erspüren, wie es dem Körper in diesem Rennen denn überhaupt geht. Dann wurde sein Spiel auslotend, zart. Nach einer Pause in Stunde sieben entfuhr ihm ein halb gelachtes "Oh Mann!", nach dem er expressiv das Stück vorantrieb. Später spielte er im Stehen, hämmerte – kein bisschen "trés lent" – auf die Tasten wie ein Kind, das nicht mehr Klavier üben wollte, marschierte durch die ewig gleiche, sich nie in einer Harmonie lösenden Tonabfolge. Ein Stück, das nicht nur den Spielenden verändert und fordert, sondern auch die Zuhörenden. Auf Twitter, wo Levit sehr präsent ist, wurde das Stück parallel zum Stream von Hunderten kommentiert.

Levit ist glücklich, high – und die Finger spielen weiter

Nach fünfzehneinhalb Stunden, um 5.30 Uhr am Sonntagmorgen, deutlich schneller als erwartet, war es vollbracht. Levit klappte das Piano zu, legte kurz den Kopf in die Hände. Gegenüber der New York Times sagte er später, er sei glücklich, high, ohne Schmerzen. Nur die Finger scheinen noch nicht zu gehorchen: Stunden nach dem Ende des Stücks postete der Pianist ein Video seiner Hände auf Twitter – sie spielten wie von selbst "Vexations" auf einem Tisch. Levits Kommentar: "Das Repertoire für die kommende Saison wird eher eintönig werden."