Im besten Sinne konzertant unterhaltend

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 28. Februar 2019

Klassik

Neues von Fabrice Bollon mit dem Philharmonischen Orchester.

Man kann die Wartezeiten am Flughafen also auch produktiv überbrücken. Fabrice Bollon ließ sich dort in Belgrad inspirieren zu einem Orchesterstück mit dem scheinbar biografischen Titel "Waiting für my plane". Doch die Musik klingt nicht nach Programm, auch wenn der Paukenglissando-Wirbel zu Beginn das Abheben eines Fliegers suggeriert. Klangflächen, punktierte, swingende Fox-Rhythmen, ein Motiv, das ein wenig an das des "Fledermaus"-Walzers erinnert: Dem Freiburger Generalmusikdirektor ist hier eine Musik gelungen, die im besten Sinne konzertant unterhaltend ist, in der Tradition von Komponisten wie André Previn oder auch Leonard Bernstein, und trotzdem eigene Wege beschreitend.

Nachdem "Waiting for my plane" schon 2011 in Stuttgart aus der Taufe gehoben wurde, folgten beim Philharmonischen Konzert im Freiburger Konzerthaus jetzt zwei Uraufführungen, die die "Dogmatic pleasures. Short pieces for large orchestra" zur musikalischen Trilogie vervollständigen. Auch hier beschreitet Bollon kompositorische Wege fernab der Darmstädter und Donaueschinger Dogmen, dafür bemüht um eine Wiedervereinigung der Kategorien E- und U-Musik. In "Scales and Chords" bleibt die Musik eine Spur zu lehrbuchhaft am Titel: Die (oft verfremdeten) Tonleitern und Akkorde führt der Komponist in Dauerbewegung zusammen, mit überraschenden Wendungen und brillant instrumentiert. "Marriage in Bb major" ist ein echtes "Kunststück", basierend auf einem einzigen B-Dur-Dreiklang, zum Teil in geradezu ekstatischen Fortspinnungen. Das ist launige (Spiel-)Musik, ohne erhobenen Zeigefinger und mit der absolut legitimen Intention, dass Anspruch auch Spaß machen darf.

Dies ist nicht zuletzt auch der Fall, weil das Philharmonische Orchester unter Gastdirigent Jader Bignamini einen ganz großen Abend hat. Auch bei der espritgeladenen, konzentrierten Begleitung von Francis Poulencs Konzert für zwei Klaviere und Orchester d-Moll, einem Komponisten, mit dem Bollon viel zu verbinden scheint. Die beiden Solisten Ludmila Berlinskaia und Arthur Ancelle teilen diese Spiellaune und verzaubern in ihrem ungemein dichten Zusammenwirken mit äußerster Präzision in Technik und Artikulation – als gehörten die vier Hände zu einem Körper. Besonders wirbelnd übrigens bei der Zugabe – den "Schneeflocken" aus der aus der Jazz-Suite des russischen Jazzpioniers Alexander Zsfasman.

Der Höhepunkt steht allerdings erst bevor: Als habe es an Richard-Strauss-Entzugserscheinungen gelitten, startet das Philharmonische Orchester mit "Till Eulenspiegels lustigen Streichen" durch – phänomenal im Tuttiklang (was für ein Violinsound!) und bestechend in den Sololeistungen. Stellvertretend seien hier Isabel Forster (Horn) und Gastkonzertmeister Gustavo Surgik genannt, dessen Führungsqualitäten dem Orchester guttun. Das gilt auch für das – auswendige – Dirigat Jader Bignaminis. In die "Rosenkavalier"-Suite op. 59 legt er mehr italienische als wienerische Agogik, mehr Toscanini als Karl Böhm. Aber legt Temperament in Richard Strauss’ meisterhafte Melodik, bewahrt sie vor zu viel Zuckerguss und Schlagobers und unterstreicht ganz nebenbei ein ganz anderes: Die Zeit wäre reif wieder mal für einen "Rosenkavalier" am Stadttheater!