Komponierte Weihnachtsfreude

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Mi, 08. Januar 2020

Klassik

Selten: Olivier Messiaens kompletter Orgelzyklus "La Nativité du Seigneur" erklang mit vier Studierenden der Musikhochschule in der Freiburger Ludwigskirche.

Glühwein war gestern. Der Rummel ist rum. Aber: Weihnachten klingt nach. So jetzt am Dreikönigstag in der Freiburger Ludwigskirche. Vier Studierende der Musikhochschule boten, was vergleichsweise selten vorkommt, eine Gesamtaufführung von Olivier Messiaens weihnachtlichem Orgelzyklus "La Nativité du Seigneur" (Die Geburt des Herrn). Jenes 1935 entstandene neunteilige (Früh-)Werk des großen Franzosen, das inzwischen längst zum einem Klassiker der Moderne avanciert ist. Ein Meister-Opus mit unverkennbarem Personalstil. Und das bedeutet: So komponiert in seiner ganzen Ursprünglichkeit nur einer – Messiaen!

Dass es sich bei dieser musikalisch versinnlichten Theologie um klingende Meditationen handelt: Man vernahm es alsbald. Eine entschleunigte Tonkunst, die aus der Ruhe, aus Kontemplation und stillem Nachsinnen ihre zweifellos singuläre Wirkung schöpft – gerade auf den Menschen von heute. Wie von Messiaen postuliert, nahm sich Korbinian Krol für das Kornett-Arioso der vierten Meditation "Le Verbe" (Das Wort) viel Zeit.

Des Komponisten Klarinettenwunsch im Hirtenstück (Nr. 2), bei dem auch an die alte Noël-Tradition Frankreichs erinnert wird, konnte Ina Stoertzenbach indes nicht erfüllen – weil die ansonsten für Messiaen sehr geeignete dreimanualige Mathis-Orgel von 1995 mit ihren 41 Registern diese Stimme nicht im Fundus hat. Aber auch per Krummhorn ließ sich die Fröhlichkeit ("joyeux") der Hirten unterstreichen. Ausdruck, Rhythmen, die einzigartige Melodik, die ungewohnten Farben und bunten Registrierungen: Sie definieren diese Musik, die bei aller Freude über die Geburt des göttlichen Kindes bereits den Aspekt des Leidens impliziert. Jakob Wolfes gestaltete die siebte Variation eindringlich. Doch klang die Posaune – Messiaen dachte eher ans Fagott – stellenweise etwas inegal...

Mutter, Kind, Hirten, Engel, die Weisen: Das angestammte Weihnachtspersonal ist in Messiaens Inszenierung zur Stelle. Bei einem Geschehen, das – die feinsinnige Musik mit ihrer enorm hohen Mystik-Quote kündet davon – letztlich gleichwohl ein Geheimnis bleibt. Zur atmosphärischen Dichte des Konzerts trugen die nun vom Organistenquartett gesungenen und passend zwischengeschalteten Gregorianik-Zutaten nicht unwesentlich bei. Ganz Altes und 20. Jahrhundert trafen da im Zeichen von Weihnachten reizvoll aufeinander. Messiaen nutzt ja bereits gregorianische Elemente.

Am Ende war die Weihnachtsfreude dann geradezu ausgelassen – und dabei immer stilvoll. Wie der Interpret David Kiefer das finale "Dieu parmi nous" (Gott unter uns) absolvierte: Das hatte besonderes Format und setzte dieser reifen integralen Wiedergabe die Krone auf. Spannungsintensiv die Hinführung und zudem beinah signalhaft die Ankündigung der grandiosen E-Dur-Toccata.

Virtuos das motorisch-toccatische Akkord-Staccato, mit dem sich der 1908 geborene (und 1992 gestorbene) Messiaen als Eleve des französischen Organistenmachers Marcel Dupré erweist. Eine Meditation kann auch extrovertiert sein – vor allem, wenn sie sich aufs Christfest bezieht. Weihnachten klingt eben nach. Man muss es nur hören.