Raus aus der Komfortzone

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Do, 17. Oktober 2019

Klassik

Das Belcea-Quartett bei den Freiburger Albert-Konzerten.

25 Jahre gibt es das in London gegründete Belcea-Quartett nun schon. Da könnte man sich eigentlich entspannt zurücklehnen und sich routiniert durchs Repertoire bewegen. Nichts davon ist jedoch zu spüren beim umjubelten Albert-Konzert in der Freiburger Musikhochschule. Das Ensemble liebt das Risiko! Es geht gerade dorthin, wo man das Vertraute verlassen muss. Raus aus der Komfortzone, hinein ins pralle, gefährliche Leben.

Selbst Ludwig van Beethovens frühes Streichquartett op. 18 Nr. 3 in D-Dur enthält in der Interpretation irritierende Momente durch einen plötzlichen Farbwechsel zu Beginn der Durchführung des Kopfsatzes oder dem orchestralen Tuttiklang im Andante con moto. Corina Belcea wird an der ersten Violine von ihren drei Kollegen klanglich getragen. Und zaubert den heiklen Beginn des Prestos mit spielerischer Leichtigkeit, ehe dieses brillant musizierte Finale eine drängende Atemlosigkeit erhält.

Ausdruckswille und magische Stille

Bei Béla Bartóks Streichquartett Nr. 6 rücken auch die Kollegen in den Fokus. Krzysztof Chorzelski versieht die lange Bratschenkantilene, die Antoine Lederlin im zweiten Satz am Cello sonor weiterspinnt, mit erzählerischem Gestus. Auch Extreme wie der forcierte, mit viel Bogendruck erzeugte Violinklang von Axel Schacher sind bei Bartók gefordert. Unbedingter Ausdruckswille prägt die Interpretation genauso wie absolute rhythmische Präzision. Die grimmige Komik der Burletta (Bärentanz) im dritten Satz zeichnet das Belcea-Quartett mit musikalischen Fratzen nach. Und erzeugt eine solche Spannung, dass das Finale in einer langen, magischen Stille ausklingen kann.

In Beethovens siebensätzigem Quartett in cis-Moll op. 131 nach der Pause wechseln die vier Streicher zwischen innigem Gesang und extrovertierten Trotzgesten. Dass hier die Konzentration eine Spur nachlässt, nimmt man gerne in Kauf, weil jeder Takt des zerklüfteten Werkes mit Sinn erfüllt wird. Der Unisono-Beginn des Finales im Fortissimo gleicht einer Erschütterung, die den ganzen Satz unter Spannung setzt. Mit dem als Zugabe gespielten "Lento assai e cantante tranquillo" aus Beethovens F-Dur-Quartett op. 135 verabschiedet sich das Belcea-Quartett mit einem tröstendem Streichergesang.