Corona-Krise

Wie Musikschulen ihren Unterricht digital weiterführen

Dora Schöls

Von Dora Schöls

Mi, 01. April 2020 um 20:15 Uhr

Klassik

Verbindung, Verzögerung und Datenschutz: In Corona-Zeiten nutzen auch Musikschulen digitale Möglichkeiten. Doch der persönliche Kontakt beim Unterricht ist nicht zu ersetzen.

Die Gitarre in den Händen, auf den schwarzen Locken ein Kopfhörer: Katharina Thomsing ist für ihre Schüler in diesen Tagen nur ein bewegtes Bild auf dem Handy oder Computer. Die Gitarrenlehrerin gibt ihren Unterricht digital, seitdem auch die Musikschulen wegen des Coronavirus schließen mussten.

Ein Gespräch über Videochat mit Thomsing, die an der Gundelfinger Musikschule im Breisgau unterrichtet, zeigt erste Hürden: Wenn sie normal vor dem Computer sitzt, ist entweder ihr Kopf nicht ganz im Bild oder ihre rechte Hand an der Gitarre. Sie hat ein gutes Mikrofon, die akustische Gitarre klingt trotzdem dumpf. Immer wieder stockt das Bild. Und der Versuch, gleichzeitig zu klatschen, zeigt: Gemeinsames Musizieren ist wegen der zeitlichen Verzögerung unmöglich.

Kann Musikunterricht so funktionieren?

So gut wie alle Musikschulen von Offenburg bis Lörrach setzen den Unterricht nun digital fort. Der Kanal bleibt dem Lehrer überlassen: Telefon, Skype oder Facetime mit Bild, Zoom mit mehreren Schülern gleichzeitig. Lehrer verschicken Übepläne und Noten per Mail. Manche bitten ihre Schüler, Tonaufnahmen zu machen und dem Lehrer zu schicken, auch mehrfach pro Woche. Andere verschicken Videos, in denen sie Übungen vorspielen. Manche Schulen starten oder vertiefen ihre Youtube-Kanäle. Schwierig wird es bei Großgruppen, musikalischer Früherziehung oder Jam-Gruppen, die fallen meist aus.
Jugendmusikschule Südlicher Breisgau: Gruppen in Zeiten von Corona




Die Musikschulen versuchen so, den Kontakt zu den Schülern aufrecht zu erhalten. Schüler und Eltern seien dankbar, dass der Unterricht weitergeht, heißt es vielfach. Verständnis gibt es aber auch für Eltern, die nun in eine wirtschaftliche Notlage kommen und sich den Musikunterricht nicht mehr leisten können.

Die Krise bietet auch Chancen

In der Jugendmusikschule Südlicher Breisgau habe der Förderverein den Beitrag eines Kindes übernommen: "Kein Kind soll sein Instrument aufhören müssen", sagt Leiter Joachim Baar. Er zeigt sich zuversichtlich, dass die Musikschulen diese Zeit gut überstehen – und dass die Krise Chancen bietet für neue Methoden.

"Jetzt können wir die Gunst der Stunde nutzen und im technischen Bereich Erfahrungen sammeln", sagt auch Lutz Thormann, Leiter der Musikschule im Breisgau. Manche Musikschulen hätten aber auch Vorbehalte: Die Honorierung sei schwierig, wenn die Stunden nicht klar abgerechnet werden können. Auch um den Datenschutz machten sich manche Sorgen. Thormann findet, das sei in diesen Zeiten nicht so wichtig.

Gitarrenlehrerin Katharina Thomsing nutzt Skype und Facetime, Whatsapp will sie lieber nicht verwenden, wegen des Datenschutzes. Mit einigen Schülern macht sie die Stunde telefonisch – "da muss man genau zuhören", sagt die 54-Jährige. "Aber auch mit Video sieht man auf dem kleinen Bildschirm nicht wirklich, wie der Schüler sich bewegt." Gerade für die Jüngeren sei es spannend, Neues auszuprobieren. Allerdings müssten sie konzentrierter zuhören. Um die Kinder zu unterhalten, nutzt die Lehrerin ihren Fingertierzoo: Das weiße Pferdchen habe sich schon mit dem Kuscheltierpferd ihrer neunjährigen Schülerin angefreundet. "Wir sind den Kunden verpflichtet", sagt Thomsing. "Und man kommt sich komisch vor, wenn man seinen Job nicht machen kann."
Jugendmusikschule Südlicher Breisgau: Chor in Zeiten von Corona




Als Gitarrenlehrerin hat sie es relativ leicht, andere stehen technisch vor größeren Herausforderungen. Etwa der Schlagzeuglehrer Daniel Pellegrini: Er hat seinen Schülern beschrieben, wie sie Kamera und Mikrofon am besten ausrichten, damit er Schüler und Instrument gut sehen kann und der Ton passt. Am besten wären mehrere Kameras und Mikrofone, gibt er zu, aber das sei illusorisch. "Wir können Stücke spielen, an Dynamik und Lautstärke arbeiten, aber nicht in die Feinheiten gehen", sagt der 39-Jährige.

Gute Kundenbindung ist wichtig

Gerade bei den ganz jungen Schülern sei der persönliche Kontakt wichtig, der fehlt jetzt natürlich. Und sollte die Schließung monatelang anhalten, könnten manche Schüler den Spaß verlieren, glaubt der Musiker.

Pellegrini unterrichtet am Musiclab Emmendingen. Gerade Privatschulen seien "auf eine gute Kundenbindung angewiesen", sagt er. Die Eltern seien aber alle solidarisch: "Die wollen, dass das nicht zusammenbricht."

Das bestätigt Joachim Sendelbach von der Take Your Teacher Home (TYTH) Musikschule in Lörrach, die schon immer auch auf interaktive Technik setzt. Das Feedback der Eltern sei positiv, bisher habe es erst eine Abmeldung gegeben, sagt Sendelbach. Private Musikschulen fielen sonst durchs Raster, während die kommunalen abgesichert seien: "Jetzt sitzen wir im gleichen Boot." Der Schaden komme allerdings schleichend und sei schwer zu bemessen. Auch wenn Eltern jetzt nicht kündigten, fingen vielleicht weniger Schüler neu an. Sendelbach hofft auf Unterstützung der Gemeinden.

Auch der Landesverband der Musikschulen sucht nach Unterstützung: Er will auf eine Beteiligung des Landes hinwirken, sagt Verbandsleiter Heinrich Korthöber. Digitale Angebote könnten die persönliche Interaktion nicht ersetzen. Aber wenn die Eltern merkten, dass die Schulen sich kümmern, seien sie eher bereit, weiter zu zahlen. "Für Schulen, die es nicht schaffen, den Kontakt zu halten, wird das existenzbedrohend", sagt Korthöber. Digitalisierung sei schon länger ein Thema im Verband. "Das wird jetzt eine neue Dynamik bekommen."

Bereits eine Woche vor der flächendeckenden Schließung hat die Städtische Musikschule Waldkirch ihre Türen dicht gemacht – wegen eines Corona-Falls im benachbarten Gymnasium. Das sei der Schule nicht schwergefallen, sagt Schulleiter Stefan Goeritz: Seit vergangenem Jahr gebe es ohnehin keinen wöchentlichen Unterricht mehr. "Die Schüler melden sich, wenn sie Hilfe brauchen", sagt Goeritz, nur kommt die Hilfe jetzt eben digital. Freuen kann man sich auch in der Städtischen Musikschule Lahr. Schulleiter Tobias Meinen entwickelt ohnedies – und jetzt mit Hochdruck – eine digitale Lernplattform mit musikpädagogischen Inhalten, etwa individuelle Begleitung beim Üben.

Auch die Jugendmusikschule Bad Säckingen profitiert davon, dass sie schon länger auf digitale Möglichkeiten setzt, zum Beispiel Videokonferenzen. Es sei Aufgabe der Musikschulen, "moderne Technik zu nutzen, um unsere Schüler für so etwas Analoges wie ein Musikinstrument zu begeistern", sagt Leiter Manuel Wagner.

Eine besondere Erfahrung hat Schlagzeuglehrer Pellegrini nicht trotz, sondern gerade wegen der technischen Schwierigkeiten gemacht. Durch die Verzögerung kann er mit seinen Schülern nicht zusammen spielen. Ein Schüler sei aber um genau eine punktierte Viertel verzögert gewesen – "das hat genau gepasst, das war eine richtig geile Erfahrung", sagt Pellegrini begeistert. So bietet die Krise auch ganz ungeahnte künstlerische Möglichkeiten.
Jugendmusikschule Südlicher Breisgau: Schlagzeugunterricht (Playlist)




Die Musikhochschule

Auch die Freiburger Musikhochschule will den Lehrbetrieb in digitaler Form fortsetzen – jedenfalls teilweise. In den Bereichen Musiktheorie und Gehörbildung sei das gut möglich, erklärt Prorektor Christoph Sischka. Die Hochschule hat seit zweieinhalb Jahren eine digitale Lernplattform mit individuellen Übungen aus diesen Bereichen, die jetzt erweitert werden sollen. "Dieser Prozess wird durch die augenblickliche Situation rasant beschleunigt", sagt Sischka. Auch Videokonferenzen sind über die Plattform möglich, sodass auch Instrumentalunterricht digital gegeben werden kann. Dennoch gebe es hier Einschränkungen, schon dadurch, dass die Studierenden keinen Zugang zu den Instrumenten und Proberäumen der Hochschule haben. Auch wegen der Qualitätsverluste im Ton sei es schwierig, den Unterricht auf dem üblichen Niveau fortzuführen, so Sischka. Dennoch sei der digitale Lernweg eine sinnvolle Ergänzung.

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