Jobmarkt spezial Pflege

Knete statt Klatschen

Ulrike Sträter

Von Ulrike Sträter

Sa, 27. Juni 2020

Beruf & Karriere

Viel Wohlwollen schlug der Pflegebranche in den vergangenen Wochen entgegen. Doch davon allein werden die Arbeitsbedingungen nicht besser.

Laut einer amerikanischen Studie weisen Pflegekräfte eine größere Zufriedenheit auf, je häufiger ihnen für ihre Arbeit gedankt wird. Sie schlafen besser, ernähren sich gesünder und haben seltener Kopfschmerzen, heißt es da weiter (Psychologie heute 6/2019). Doch spätestens seit der Corona-Pandemie müsse jedem klar sein, dass noch so herzlich gemeinter Dank, ausgedrückt durch allabendliches Klatschen auf dem heimischen Balkon, keinem Pflegenden mehr Lohn genug sein darf.

Andrea Kiefer, Vorsitzende des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe Südwest (DBfK), arbeitet seit 40 Jahren als Intensivpflegerin, derzeit auf der operativen Intensivstation des Klinikums Stuttgart. Dort angegliedert ist die Akademie für Gesundheitsberufe, an der sie zudem zuständig ist für die Praxisanleitung der Lehrgangsteilnehmer. Aus ihrer Arbeit als Krankenschwester, der jahrzehntelangen Berufserfahrung und dem engen Kontakt zu Berufseinsteigern weiß Kiefer, dass sich die Wertschätzung der Pflege spätestens jetzt in besseren Arbeitsbedingungen und einer höheren Bezahlung ausdrücken muss. "Wir brauchen mehr Personal. Derzeit besteht einfach ein schlechter Personalschlüssel zwischen Pflegenden und Patienten. Unsere Pflegenden sind überlastet. Mehr Personal bedeutet, dass sich die Verantwortung und Arbeit auf mehr Schultern verteilt", sagt Andrea Kiefer. Damit einher gehe, dass die Pflegenden dann ihr Gelerntes besser umsetzen können, einfach, weil sie mehr Zeit dafür haben. "Deutlich wird, dass sich unsere Pflegenden wünschen, länger mit ihren Patienten in Kontakt zu treten. Ihnen fehlen die Gespräche, in denen sie erklären können, was in der Behandlung ansteht oder aber auch Momente, um sich die Sorgen ihrer Patienten anzuhören und ihnen Mut machen zu können. Dieser zwischenmenschliche Part findet zu selten statt", so Kiefer weiter. Daneben fordert der DBfK ein Einstiegsgehalt in der Pflege von 4000 Euro brutto, zuzüglich Zulagen wie beispielsweise Wochenenddienste oder Schichtarbeit. Derzeit betrage das erste Gehalt eines Pflegenden zwischen 2300 und 2600 Euro brutto, je nachdem welche Tätigkeit ausgeübt werde.

Neben Personaldecke und Gehalt sei es die Ausbildung, die den neuen Herausforderungen angepasst werden muss. Die Patienten werden älter, ihr Zustand multimorbid, was eine komplexere und intensivere Pflege nach sich zieht. Pflegende müssen sich während ihrer Ausbildung eine Entscheidungs- und Handlungskompetenz aneignen, durch die sie in ihrem Arbeitsalltag grundlegende Fragen der Behandlung selbst entscheiden können. Grundsätzlich sind da Fortschritte zu sehen, auch in der Zusammenarbeit zwischen Arzt und Pflegendem, sagt Andrea Kiefer: "Hier sind es die rechtlichen Fragen, die es zu klären gilt."

Während der Hochphase der Corona-Pandemie gab es keinen einzigen Pflegenden, der seine Berufsentscheidung hinterfragt habe, ganz im Gegenteil. "Diese besondere Zeit hat viele Pflegende bestärkt, weil sie die Wertschätzung ihres Berufs gespürt haben, nicht zuletzt auch in einem guten Teamwork untereinander", so Kiefer weiter.

Die Anforderungen an das Personal seien gerade zu Beginn der Pandemie enorm hoch gewesen. Da wurden kurzfristig Schulungen angesetzt, um sicher zu werden im Umgang mit möglichen Corona-Infizierten, Stationen wurden umorganisiert, permanent wurde das Personal innerhalb der einzelnen Stationen umverteilt, nicht zu vergessen die Ausnahmesituation auf der Intensivstation. "Die Ängste und auch Belastungen unseres Pflegepersonals stiegen während dieser Zeit enorm. Das war deutlich zu spüren. Aber daraus ist auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl erwachsen. Man nahm seine Kollegen auch mal von einer anderen Seite wahr", so Kiefer weiter. Bleibe nur noch, die Rahmenbedingungen anzupassen. Dann wachse die Möglichkeit, dass sich die Pflegenden zukünftig auf ihren eigenen Balkon setzen können, um sich zu erholen. Das wäre dann bestimmt Lohn genug, Wertschätzung inklusive.

Wünsche im Netz

Statt einer Petition stellen Pflegende im Internetportal "Pflege nach Corona" ihre Wünsche und Forderungen ins Netz. Beispiele: "Pflege ist keine Ware, sondern ein Menschenrecht. Die Wirkung guter Pflege auf Gesundung wird massiv unterschätzt. An der Qualität der Pflege sollst du deinen Staat bemessen", schreibt Christian Müller-Hergl aus Dortmund. Eine kostenlose Verpflegung für den Nachtdienst fordert Magdalena aus Rosenheim. Stefan aus Wuppertal fordert: "Keine Fremdbestimmung, mehr Eigenverantwortlichkeit, höheren Lohn, früheren Renteneintritt, Steuervergünstigung". Eine "altersunabhängige Möglichkeit zur Weiterbildung" wünscht sich Christiane aus Aachen. "Keine marktgerechten Patienten mehr! Krankenhäuser sollten kein Wirtschaftsunternehmen sein. Der Mensch/Patient muss wieder im Mittelpunkt stehen und die Erhaltung seiner Gesundheit, nicht das Geld!", fordert Caro aus Stuttgart. "Personalschlüssel erhöhen, Krankenhäuser nicht weiter privatisieren!", schreibt Christian, Winnenden.

Weitere Informationen
im Internetportal unter

http://www.pflegenachcorona.de

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