UNTERM STRICH: Kunst muss nicht erklärt werden

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Fr, 24. Januar 2020

Kolumnen (Sonstige)

Eine Basler Studie zeigt: Bilder gefallen – oder eben nicht / Von Alexander Dick.

Zu den charmanten Begegnungen im Leben eines Kritikers gehören die mit jenen Menschen, die einem am Ende eines Kunstereignisses augenzwinkernd zuflüstern: Sie sagen mir also dann in Ihrem Text, ob es mir gefallen hat oder nicht. Natürlich ist das pure Tiefstapelei, denn kaum jemand, der sich nicht schon einmal unsäglich über eine Kritik geärgert hat mit dem Tenor: Der Kerl muss doch in einer anderen Vorstellung gewesen sein.

Dass also jeder eine (eigene) Meinung zu einem Kunstereignis hat, war schon immer zu vermuten. Dass diese, zumindest in der Bildenden Kunst, keiner Erklärung bedarf, haben jetzt Psychologinnen und Psychologen der Universität Basel herausgefunden. Im Rahmen einer Studie hat ein Team der Professoren Jens Gaab und Klaus Opwis 75 Probanden sechs Gemälde aus der Zeit des flämischen Expressionismus vorgelegt. Die eine Hälfte erhielt einfache, knappe Informationen zu den Kunstwerken, die andere wurde mit Interpretationen und vertiefenden Texten versorgt. Man ahnt das Ergebnis. Das ästhetische Empfinden wurde weder durch das eine noch durch das andere signifikant beeinflusst. Die "größte Reaktion zum ästhetischen Erleben" rief James Ensors Gemälde "Les masques intrigués" hervor. So oder so.

Das heißt mit ganz einfachen, völlig unwissenschaftlichen Worten ausgedrückt: Egal, was und wie viel zu einem Kunstwerk erklärt wird – entweder es gefällt oder nicht. Ganz abgesehen davon, dass es, wie nun wissenschaftlich nachgewiesen ist, bei Gefallen die Herzen schneller schlagen lässt.

Verwundert uns das nun? Hatten wir nicht geahnt, dass Kunst nicht nur etwas mit Können, sondern auch mit Emotion zu tun hat? Sollte das auch für Musik und Literatur gelten, müssen wir uns erst recht die Frage stellen, was dann die Aufgabe des Kritikers ist. Belassen wir es vorerst dabei, ganz unwissenschaftlich: Zu erklären, nicht ob, sondern warum Kunst die Herzen höher schlagen lässt. Ist doch auch ein schönes Amt, oder?