KRIMINALROMANE: Verkehrte Welt

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Sa, 07. September 2019

Literatur & Vorträge

Alan Carter in Neuseeland, Hazel Frost in Berlin.

Rache ist bitter – das wissen Alan Carter und Hasel Frost. Ein Polizist gibt seinen Rachegefühlen nach, und ein eiskalter Racheengel ermordet eine Familie.

Marlborough Man

In der Sprache der Maori bedeutet Utu die Balance halten, auf Gutes wie Böses verhältnismäßig antworten. Macht und Wohlbefinden basieren auf dieser Ausgewogenheit, das persönliche Glück hängt von diesem Vermögen ab. Doch verkehrte Welt. Während der europäische Polizist seinen Rachegefühlen fast nachgibt, muss die maorische Polizistin keine Sekunde nachdenken. Natürlich ist die Gewaltenteilung auch in Neuseeland eine Errungenschaft. Das wird in der alten Welt gerne mal vergessen. Nicht nur in Mafia-Kreisen. Das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Kulturen – die der Einheimischen und die der Eroberer – ist nur ein reizvoller Aspekt in diesem herausragenden Thriller des britischen Autors Alan Carter, der seit Jahren in Australien und Neuseeland lebt. "Marlborough Man" verhandelt noch weitere aktuelle Themen in einer gnadenlosen, nervenaufreibenden Achterbahnfahrt der Gefühle und der Vernunft: Migration, Heimatlosigkeit, Klassenkampf, Fremde und Zerstörung der Natur.

Dabei ist der Plot doch schnell erzählt. Als Undercover-Polizist sollte Nick Chester im englischen Sunderland einen Mafia-Boss an den Pranger liefern, doch die Aktion gelingt nur halb. Der Verlierer landet durch ein Schutzprogramm als Verkehrspolizist in den paradiesischen Marlborough Sounds im Norden der neuseeländischen Südinsel. Doch in der vernetzten Welt bleibt niemand unerkannt.

Dazu treibt in der neuen Heimat ein Serientäter sein Unwesen, der sich an kleinen Jungs vergeht. Chester erzählt selbst und beschönigt weder emotionale noch moralische Turbulenzen. Seine "Klassenkampfnackenhaare" sträuben sich beim Anblick eines gerodeten Hügels, Sinnbild für Zerstörung im Paradies. Und dazu noch hat der örtliche Mogul womöglich etwas mit der Mordserie zu tun. Ob das Utu ihm hier nicht einen Streich spielt? Verwegen konstruiert und raffiniert erzählt, wirkt die Geschichte gerade dadurch authentisch.

Last Shot

Von Rache handelt auch "Last Shot" von Hazel Frost, Pseudonym für die bekannte Autorin Katja Bohnet. Die Anfangs-Konstellation: Auf einem Autorastplatz im Niemandsland wird ein Vater mit seinen beiden Töchtern hingerichtet. Ein kleines Mädchen verschwindet, Sohn Dima erleidet einen Schock, er war gerade Pinkeln, als die grausame Tat geschah. Da Youri in Berlin ein erfolgreicher, weil konzeptueller und sehr brutaler Bordellbetreiber war, vermutet die Polizei organisiertes Verbrechen hinter der Tat. Während zwei wunderbar überzeichnete Ermittler – Frau und Mann – im Trüben fischen, weiß der Leser schon, dass ein Racheengel namens November ihren Peiniger Youri eliminiert hat. Frost zeichnet ihre Figuren grotesk und expressiv und schmuggelt einen netten soften Rettungssanitäter in die Geschichte, der in seinen Kapiteln als Ich-Erzähler fungiert und sich in November verliebt. Großartige, grotesk skizzierte, actionreiche pulp fiction darüber, was Männer Frauen alles antun (können) und was in keinster Weise vergolten werden kann.

Alan Carter: Marlborough Man. Deutsch von Karen Witthuhn. Suhrkamp, Berlin 2019. 383 Seiten, 14,95 Euro.
Hazel Frost: Last Shot. Droemer, München 2019. 363 Seiten, 14,99 Euro.