Die mit den Robotern tanzt

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Sa, 08. Juni 2019

Kunst

Geumhyung Jeong erkundet das erotische Potenzial von Maschinen.

"Ob ich mir vorstellen kann, ein erotisches Verhältnis zu einem künstlich intelligenten Roboter einzugehen?", fragt die in Gent lehrende Kulturwissenschaftlerin Sophie Wennerscheid in ihrem kürzlich erschienenen Buch "Sex Machina. Zur Zukunft des Begehrens". Die Antwort fällt deutlich aus: "Ja, das kann ich. Problemlos. Und mit Vergnügen." Ihre Idee von Robotersex als ein unser "Selbstverständnis erweiterndes Miteinander" dürfte auch die südkoreanische Performance- und Installationskünstlerin Geumhyung Jeong teilen. Vor gut sechs Wochen schleppte die 39-Jährige kofferweise Werkzeug, technisches Gerät, Batterien, Kabel, Metallbauteile und Extremitäten von Schaufensterpuppen ins Obergeschoss der Kunsthalle Basel, schloss die Tür hinter sich und begann zu basteln.

Als Anfang Mai dann ihre Ausstellung "Homemade RC Toy" im Oberlichtsaal eröffnete, sah man sie auf sechs Monitoren in die Arbeit vertieft, die Hände an blinkenden Schaltern oder beim Zusammenstecken von Kabeln und bunten Elektronikbauteilen, wie im Youtube-Tutorial untertitelt mit Angaben für den Einkaufszettel zum Nachbau wie "Bluetooth module HC-06 / AT+ROLL=S". In einer Szene liegt die Künstlerin in schwarzem Shirt und schwarzer Jogginghose zwischen ihren aus Stahlchassis, Rechnermodulen, Gummireifen und hautfarbenen Silikongliedmaßen zusammengeschraubten Robotern und krault eine dieser Kreaturen sanft zwischen den Hinterrädern. In minimalen Bewegungen ruckelt das Gerät näher an sie heran. Der Film nährt die Illusion einer erotischen Beziehung zwischen Mensch und Maschine und weckt Fantasien von der Erregbarkeit programmierter Systeme. Zugleich wirkt Jeong in dieser Szene immer auch wie ein Teenager, der selbstvergessen in produktiver Langeweile zu versinken scheint.

Am vergangenen Donnerstag war die Künstlerin nun erstmals seit der Eröffnung selbst in der Ausstellung anwesend, um ihren bis dahin im Dornröschenschlaf verharrenden Roboterpark samt des fein säuberlich auf Podesten an der Wand verteilten Werkzeug- und Ersatzteillagers in einer Performance zu animieren. Jeong, die professionell in Tanz und Theater ausgebildet ist, agierte nackt. Als Steuerpult für ihre Choreografie diente ihr ein Plastiktorso in der Mitte des Saales, mit dem sie die fünf Roboter im Raum durch das Massieren der Brustwarzensensoren oder die orale Stimulation eines zwischen den Lenden montierten Joysticks in Bewegung versetzte.

Die intime, teils explizite Körpersprache Jeongs kippte in der gut 45-minütigen Performance überraschend immer wieder in die gewissenhafte Konzentration einer Ingenieurin bei der Verfahrenskontrolle, rutschte ins Nerdhafte oder Verspielte, zurück in die Darstellung einer vertrauten Beziehung. Was an diesem seltsam ungelenken, zögerlichen, lauernden Tanz mit selbst programmierter Hardware ebenso verstörte wie faszinierte, war die mit Kalkül unentschiedene Performance sowohl der Selbstermächtigung gegenüber dem technisch Anderen als auch der Fantasie, der Maschine als Maschine zu begegnen. Nachdem Jeong den Oberlichtsaal zum Schluss in ein Schlachtfeld des technoiden Begehrens verwandelt hatte, zog sie sich wieder an und räumte Stück für Stück sämtliche Objekte der Ausstellung wieder an ihren Platz. Auf einen neuen Robotertanz in der nächsten Tagen.

Kunsthalle Basel, Steinenberg 7. Di, Mi, Fr 11–18 Uhr, Do 11–20 Uhr, Sa-So 11–17 Uhr. Bis 11.8. Weitere Performances am 9. bis 12.6., 14. bis 16.6. und 10.8 bis 11.8. http://www.kunsthallebasel.ch