Eine neue Wirklichkeit

Veronika Zettler

Von Veronika Zettler

So, 16. Juni 2019

Kunst

Der Sonntag Künstliche Intelligenz im Basler HeK.

In der Interaktion von Mensch und Maschine verweben sich Realitäten, die gleichwohl Welten trennen. "Entangled Realities" heißt denn auch die aktuelle Ausstellung im Haus der elektronischen Künste Basel (HeK), die sich mit künstlichen neuronalen Netzen, Künstlicher Intelligenz (KI) und Deep Learning auseinandersetzt.

Die Wahrheit kann hart sein. "You are 2% still alive", meldet ein digitaler Schriftzug auf dem "Decisive Mirror" beim Blick in denselben. Zwar stammt die Einschätzung von einer Maschine. Die aber wurde vom Menschen geschult.

"You are 9% surprising", analysiert der Spiegel weiter. Das Werk des Berliner Medienkünstlers Sebastian Schmieg arbeitet mit einem KI-System und beurteilt die Betrachter anhand von Kategorien, die zu identifizieren und zu bewerten er gelernt hat. Schmieg will nicht nur zeigen, wie Menschen Künstliche Intelligenzen trainieren, sondern auch, wie sie ihnen Vorurteile einimpfen, denen sie letztlich selbst zum Opfer fallen können.

Ein Beweis, der in der Ausstellung "Entangled Realities" noch mehrfach geführt wird. Etwa in der Arbeit von Zach Blas und Jemima Wyman. Auf Monitoren lassen sie den Chatbot "Tay" selbstreflexiv vor sich her plappern. Tay ist eine KI, die Microsoft 2016 online schaltete, aber schon tags darauf wieder vom Netz nahm. Dank des Inputs der Twitter-User hatte sich Tay im Nu in eine rassistische, homophobe Entität verwandelt.

So viel ist klar: Je nach Anordnung können Künstliche Intelligenzen sowohl komplexeste Fähigkeiten des Menschen abschöpfen als auch sich in deren dumpfesten Gemütslagen üben. Oder andersherum: Wäre der Mensch humaner, wäre auch Tay eine nette KI geworden.

Wie funktioniert das, wenn eine KI lernt und algorithmische Netzwerke trainiert werden? Wie sehen maschinelle Erkenntnismethoden und Wahrnehmungsprozesse aus? Dieser Frage geht das HeK mit einer Gruppenausstellung nach, die den Betrachter durchaus fordern und anstrengen kann. Denn die Installationen, Videos und Versuchsanordnungen der 13 vertretenen Künstler und Künstlergruppen sind keineswegs selbsterklärend. Am umfangreichsten erschließt sich die Schau bei einer Führung. Wer sich auf eigene Faust aufmacht, muss zumindest das Informationsblatt zurate ziehen, um die algorithmischen Systeme inmitten von wabernden Pixeln, Stimmen und Sounds nachvollziehen zu können.

Dann allerdings sind Aha-Erlebnisse möglich. Denn während im alltäglichen Umgang mit smarter Technologie der Mensch längst nicht immer erkennen kann, wo er gerade eine KI trainiert, und noch weniger, in welcher Form die KI von ihm lernt, führt ihm die Ausstellung beides vor Augen.

So zeigt Trevor Paglen in seiner Videoinstallation, wie eine automatisierte Intelligenz gigantische Mengen an Fotomaterial verarbeitet und wie neuronale Netzwerke Muster erkennen lernen: Unzählige Bilder werden in noch viel größere Mengen von Punkten, Formen und Daten umgerechnet – Welten entfernt von bewusster menschlicher Wahrnehmung.

Derweil präsentiert der belgische Künstler Dries Deporter quasi eine kleine Schwester des staatlichen chinesischen Big- Brother-Programms. Sein "Surveillance Paparazzi" zapft weltweit rund 1000 Überwachungskameras an, die unverschlüsselt Bilder übertragen. Zwar kann der in einen Glaskasten gepackte Rechner nur einen Bruchteil der gefilmten Personen identifizieren, nämlich gut 200 000 "Celebrities". Beeindruckend ist es trotzdem, wie im Trefferfall jeweils Foto, Wikipedia-Eintrag und GPS-Koordinaten des Promis eingeblendet werden.

Veronika Zettler
Entangled Realities Haus der elektronischen Künste Basel. Freilager-Platz 9, Münchenstein. Mittwoch bis Sonntag, 12 bis 18 Uhr (bis 11. August). http://www.hek.ch