Mit der Flagge auf dem Rücken in den Fluss

Yvonne Ziegler

Von Yvonne Ziegler

Sa, 01. Juni 2019

Kunst

Die Tänzerin und Künstlerin Simone Forti im Kunsthaus Baselland.

Eine Pionierinnen der internationalen Performancekunst ist im Dreiland zu entdecken: Das Kunsthaus Baselland zeigt Werke der Tänzerin, Choreografin und Künstlerin Simone Forti. Die 1935 in Florenz geborene US-amerikanische Bewegungskünstlerin ging nach einem Kunststudium in Los Angeles zu Anna Halprins Dancer’s Workshop Company nach San Francisco, wo neue Formen des Tanzes erprobt wurden, die sich am Alltag orientierten und die Grenzen zu anderen Kunstformen überschritten. 1959 setzte sie ihre Tanzausbildung bei Martha Graham und Merce Cunningham in New York fort, wo sie 1962 das berühmte Judson Dance Theater mitbegründete.

Im Interview mit Ines Goldbach, Direktorin des Kunsthauses Baselland, beschreibt Forti diese Zeit so: "Ich wuchs in einem künstlerischen Zeitalter auf, in dem es eine enge Kommunikation zwischen DichterInnen, MusikerInnen, TänzerInnen, MalerInnen und BildhauerInnen gab. Wir waren davon begeistert, die Kunst neu zu erfinden. Ziel war es, auf eine Art zu agieren, die wir in unserer Zeit als bedeutend sahen."

In der auf Video aufgezeichneten Performance "News Animation" sieht man, wie die Künstlerin mit Zeitungen in einem Raum agiert. Sie entwickelt aus ihrem intuitiven Sprechen über Weltgeschehnisse Bewegungen, wirbelt durch den Raum, faltet sich zu einem Flugzeug, lässt durch Drehungen, Rennen, sich auf den Boden Werfen Spannungen und Dynamiken entstehen, die globale Zusammenhänge spürbar werden lassen.

Die Beziehung zwischen Objekt und Person ist entscheidend für ihre "Dance Constructions". Dabei handelt es sich um Objekte wie eine schiefe Ebene, an der Seile zum Hochklettern befestigt sind, oder große, unten offene Holzquader, unter denen ein kleines Holzstück liegt. Diese einfach konstruierten, der Minimal Art nahestehenden Skulpturen ermöglichen Handlungen, die nach den Regeln der Künstlerin von Performerinnen interpretiert werden können. Vom 12. bis 19. Juni werden junge Künstlerinnen der Region – u. a. Emi Mioshi aus Freiburg – die Performances "Huddle", "Slant Board" und "Platforms" aufführen. So wird das durch Skulptur, Foto, Video und Text vermittelte Œuvre zum Leben erweckt. Einen Einblick, wie eine Performance aussehen kann, gibt das Video "From Instructions". Darin sieht man zwei durch ein Holzstück an der Wand befestigte Seile, an denen sich zwei Performer durch Umwickeln und Ineinanderverknäulen winden. Die einfache Anordnung steht im Kontrast zum intensiven körperlichen Einsatz, der immer wieder neue Konstellationen hervorbringt.

Fortis Performances finden oft ohne Publikum und in der Natur statt. In einer späten Arbeit sieht man sie zwei Leinwände ausbreiten, die eine Abstraktion der amerikanischen Flagge darstellen. Mit den Stoffen über den Rücken gelegt steigt sie in einen großen Fluss, taucht die Stücke unter, reibt sie aneinander, lässt sich mit ihnen im Fluss treiben und schleppt sie am Ufer an den Anfangsort zurück. Auf eine körperlich sehr intensive Art und mit einer ihrem Tun hingegebenen Präsenz lässt sie den Betrachter ihrer Auseinandersetzung mit Identität, Zeit und Natur folgen. In einer ebenso eindrücklichen Performance liegt sie mit Zeitungen und Algen am Strand, zunächst auf dem Trockenen, später von Wellen umspült. Schließlich ihr Studium von Tierbewegungen, die sie als absichtslos beschreibt. Man sieht sie mit einem Radio in der Hand am Boden kriechen, Steine, Baumstämme und Schnee überwinden. Eine schöne Aufforderung, sich der Lebenswelt der Mitakteure auf unserer Erde physisch zu nähern.

Simone Forti, Kunsthaus Baselland. Bis 7. Juli, Di bis So 11–17 Uhr.