Raus aus der Reduit-Idylle

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

So, 16. Juni 2019

Kunst

Der Sonntag Das Kunsthaus Zürich arbeitet seine Geschichte auf.

Der Titel "Stunde Null. Kunst von 1933 bis 1955" und der Nebentitel "Zwischen Resignation und Aufbruch" präzisieren thematisch die Ausstellung, in der Sammlungskurator Philippe Büttner die Erwerbungen des Kunsthauses zwischen 1933 und 1955 präsentiert. Inwieweit "Stunde Null" generell und insbesondere für die Schweiz zutreffend ist, ist nicht nur kunstgeschichtlich umstritten. Zutreffender für die Ausstellung ist darum der Nebentitel, der mit den Stichworten "Resignation" und "Aufbruch" die Unbestimmtheit thematisiert, in der sich Schweizer Künstler ab 1933 befanden, nämlich hin- und hergerissen zwischen schweizerischer Maltradition und europäischer Moderne.

Dieser Zwiespalt machte nicht nur den Künstlern zu schaffen, er betraf auch die Erwerbungen des Kunsthauses. Und so wird diese Ausstellung zu einer kunstgeschichtlichen wie auch gesellschaftlichen Rückerinnerung an die Jahre, die nach 1933 folgten.

Der sich formierende Faschismus wie auch der sich konsolidierende Kommunismus der Vorkriegsjahre propagierten eine zunehmend sich verstärkende Ablehnung der Moderne, forderten ein Zurück in die Tradition. Das stellte spätestens 1933 mit der nationalsozialistischen Machtergreifung in Deutschland Künstler vor Fragen wie: Wo stehst du? In der Moderne? Oder in der Tradition? So wurde Kunst zum persönlichen sichtbaren Bekenntnis, zu Mut und Widerstand oder Befürwortung und Arrangement mit den Verhältnissen.

Bilder, das zeigt diese Ausstellung, sind eben nicht nur Ausdruck des künstlerischen Temperaments und Könnens, sondern immer auch des individuellen gesellschaftlichen und politischen Standorts.

Auf Letzteres spielt die Bemerkung im Katalog an, in der Hermann Hubers "Spinnendes Mädchen" (1940) als "das vielleicht schweizerischste aller Bilder in dieser Ausstellung" vorgestellt wird. In diesem Sinne schweizerisch sind auch Hubers "Vorlesende und Knabe" (1940/41), Willy Fries’ "Kranke Bäuerin" (1939), Jakob Rietzmanns "Schrebergärten" (1943) und, allerdings mit Einschränkungen, Ernst Morgenthalers "Weide" (1937), Willy Kaufmanns "Im Kunsthaus Zürich" (1948) und Nanette Genouds "Selbstbildnis" (1943).

Sind diese Bilder Ausdruck der "Reduit-Idyllen", von denen der Katalog spricht? Sie sind es. Und die Versuchung ist groß, heute ein spontanes Urteil über dieses malerische Ausblenden der Realität zu fällen. Was bleibt, ist der Versuch, diese Bilder aus ihrer Zeit heraus zu verstehen. Dass sie heute im Kunsthaus hängen, ist Teil der Geschichte des Hauses, in dessen Statuten es 1831 heißt: "Der Zweck der Gesellschaft ist möglichste Beförderung und Belebung der Kunst im Allgemeinen und des vaterländischen Kunstsinnes in’s Besondere". Als 1933 eine Kommission die Ankaufspolitik diskutierte, wurde beschlossen, "dass gute Kunst angekauft werden soll, frische, gesunde Bilder, die als museumsreif beurteilt werden".

Der "vaterländische Kunstsinn" spielte nach 1945 keine vorrangige Rolle mehr, wie die kleine, überschaubare Ausstellung beweist. Unter den Neuerwerbungen sind schweizerseits Max Bill, Giovanni und Alberto Giacometti, Fritz Glarner, Max Gubler, Paul Klee, Sophie Taeubner-Arp, Jean Tinguely. Sie vertreten und dokumentieren in unterschiedlicher Qualität, dass der "vaterländische Kunstsinn" mit der "Kunst im Allgemeinen" im Einklang ist und die Reduit-Idylle ein Intermezzo war. Die "Kunst im Allgemeinen", das sind nun Marc Chagall, Alexander Calder, Salvador Dali, Max Ernst, Fernand Léger, Pablo Picasso, Jackson Pollock, Pierre Soulage, Nicolas de Stael, Wols.

Der Sonderteil der Ausstellung steht unter dem Thema: "Provenienzen im Fokus – Die Erwerbungen der Grafischen Sammlung von 1933 bis 1950". Joachim Sieber, Silja Meyer und Simone-Tamara Nold zeigen an Beispielen, was unter welchen Umständen und zu welchen Bedingungen von 1933 bis 1950 erworben wurde. Die "Bestandsaufnahme Gurlitt" im vorigen Jahr im Berner Kunstmuseum hat die Provenienzforschung in der Schweiz neu belebt. Was Zürich betrifft, bietet der Katalog dazu ausführliche Informationen.

Nikolaus Cybinski

Stunde Null Kunst von 1933 bis 1955. Kunsthaus Zürich, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18, Mittwoch und Donnerstag bis 20 Uhr (bis 22. September)