Laufform passt, das Schießen nicht

Jürgen Ruoff

Von Jürgen Ruoff

Mo, 15. Februar 2021

Biathlon

Biathlet Benedikt Doll bei den ersten WM-Rennen auf den Rängen 31 und 39 / Janina Hettich "nicht schlecht, aber auch nicht gut".

. Nein, Benedikt Doll war nach dem WM-Sprintrennen nicht beim Pony und hat es gestreichelt. Vor der Biathlon-Weltmeisterschaft auf der Pokljuka (Slowenien) hatte der 30-Jährige angekündigt, ein Pony streicheln zu wollen, falls es in den Wettkämpfen nicht gut für ihn laufe. Zu dem Bauernhof, auf dem die deutsche Biathlon-Nationalmannschaft während der Wettkämpfe der Weltbesten untergebracht ist, gehört ein Streichelzoo mit Hasen, Ziegen und eben jenem Pony. "Ganz witzig", findet Doll die tierischen Mitbewohner, den Spruch mit dem Pony will er als "Scherz" verstanden wissen.

Kein deutscher Biathlet ist im ersten WM-Rennen unter den ersten 30: Arnd Peiffer (WSV Clausthal-Zellerfeld) wird nach zwei Schießfehlern Sprint-36., Benedikt Doll von der Ski-Zunft Breitnau verfehlt vier der zehn Scheiben und findet sich auf Rang 39 wieder. "Mich ärgert das richtig", sagt Doll, "beim Liegendschießen habe ich eigentlich gut fokussiert und hatte ein gutes Gefühl. Ich kann mir die zwei Fehler nur durch eine Verlagerung erklären".

"Am Schießstand

passt es bei den

Deutschen nicht."

Neuner nach dem Männer-Sprint
Doll muss zweimal in die Strafrunde, der fehlerhafte Wettkampfauftakt bringt den Schwarzwälder "von der Rolle". Die Folge: Auch im stehenden Anschlag verfehlen zwei Schüsse das Ziel. "Stehend hat es dann einfach nicht mehr gepasst", sagt Doll. Vier Fehler, abgeschlagen auf Rang 39 – "das ist nicht mein Anspruch". "Am Schießstand passt es bei den Deutschen nicht", stellt die Ex-Weltmeisterin und Olympiasiegerin Magdalena Neuner in ihrer TV-Analyse fest.

Beim Sieg von Martin Ponsiluoma skatet Benedikt Doll ähnlich schnell wie der neue Weltmeister. Der Schwarzwälder liegt mit der achtbesten Zeit im Feld der 104 Starter nur sechs Zehntelsekunden in der Laufzeit hinter dem erfolgreichen Schweden, der am Schießstand allerdings alle Scheiben getroffen hat. Dolls Laufzeit ist ein Hoffnungsschimmer beim historisch schlechten WM-Abschneiden der deutschen Biathleten. Eine Analyse seiner Laufzeit zeigt Folgendes: Auf den ersten 1,4 Kilometern verliert er auf die schnellste Zeit 14,9 Sekunden, auf den folgenden 1,1 Kilometern bis zum Schießstand sind es nur 1,4 Sekunden. "Das liegt am Streckenprofil: Am Anfang gibt es mehr Gleit- und Flachpassagen, die mir nicht so liegen", sagt Doll, "dann folgen die Anstiege, da fühle ich mich wohler".

Auch wenn im Verfolgungsrennen viermal geschossen wird und noch massive Verbesserungen möglich sind: Nach einem vermurksten Sprint ist der Weg von Rang 39 nach ganz vorne im Verfolger nicht mehr zu schaffen: 1:43 Minuten sind gegen die Besten der Welt nicht aufzuholen. Dolls Ziel ist deshalb "gut zu schießen", wie es ihm in den Tagen vor der WM gelungen sei. Die Mission geht trotz zweitbester Laufzeit schief. Man fragt sich: Hätte Ponystreicheln nach dem Sprint vielleicht doch etwas gebracht? Doll beginnt das Jagdrennen mit einem Fehlschuss, beim zweiten Liegendschießen kommt der nächste Fehler dazu. Spätestens nach dem ersten Stehendschießen muss man auch Dolls Verfolgungsrennen als misslungen bezeichnen: Drei Scheiben bleiben stehen. Bei der letzten Fünferserie kommt eine weitere Fahrkarte dazu. Sechs Fehlschüsse in der Summe, 950 Extrameter in der Strafrunde, Rang 31. "Hoffentlich bringt jemand das Pony in Sicherheit", scherzt eine Biathlon-Kennerin nach dem zweiten missglückten WM-Rennen von Benedikt Doll.

Der Schwarzwälder und Peiffer haben ihre gute Laufform unterstrichen, die viel zitierte gute Komplexleistung ist ihnen bei dieser WM bisher aber nicht gelungen. Besorgniserregend ist, dass keiner der deutschen Starter beim Saisonhöhepunkt bisher das Skaten und Schießen auf hohem Niveau zusammengebracht hat. Andere Nationen haben das hinbekommen. Wenn Biathlon-Bundestrainer Mark Kirchner im TV-Interview davon redet, dass Kleinigkeiten im Biathlon über Sieg und Niederlage entscheiden, so mag das zweifellos auf das eine oder andere Schießergebnis zutreffen, nicht jedoch auf die kollektiv schlechte Treffsicherheit der deutschen Männer. Und trifft schon gar nicht auf die Laufleistung von Erik Lesser (SV Eintracht Frankenhain) zu: Er hat als 66. des Sprints das Verfolgungsrennen verpasst, nachdem er bereits in der Mixedstaffel hinterhergeskatet war.

"Es haben sich stehend

ein paar kleine

Fehler eingeschlichen."

Biathletin Janina Hettich
"Es nervt schon ein bisschen. Ich habe mich insgesamt nicht so gut gefühlt", sagt Janina Hettich (SC Schönwald) nach dem WM-Sprintrennen, das sie auf Rang 31 beendet. Traumhaft sicher hat die 24-Jährige in einigen Weltcups geschossen, im ersten WM-Rennen absolviert sie das Liegendschießen gewohnt fehlerlos. Im stehenden Anschlag bleiben jedoch zwei Scheiben stehen, sie muss zwei Strafrunde drehen. "In letzter Zeit haben sich wieder ein paar kleine Fehler eingeschlichen. Beim Stehendschießen lief es einfach nicht so gut", sagt sie.

In das Verfolgungsrennen geht die Biathletin aus Lauterbach bei Schramberg mit dem Sprint-Zeithandicap von 1:52 Minuten. Die erste Schießübung absolviert sie makellos, bei den drei folgenden Fünferserien verfehlt jedoch jeweils ein Schuss das Ziel: Rang 34. "Aufgrund meiner Vorleistungen bin ich nicht ganz zufrieden mit den beiden Rennen. Es waren keine schlechten Leistungen, aber auch keine guten", sagt Hettich, "auf der Strecke habe ich mich nicht so gut gefühlt und am Schießstand den einen oder anderen Fehler zuviel gemacht".

Tiril Eckhoff aus Norwegen, die beide WM-Rennen der Frauen gewonnen hat, sagte nach ihrem Sieg im Sprint: "Ich war heute sehr stabil im Kopf." Die mentale Stärke, unerlässlich für Biathlonerfolge, geht den deutschen Männern bisher gänzlich ab.