Leben im Schwarzwald

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Do, 02. April 2020

Literatur & Vorträge

Thomas Binder erzählt die Geschichte anhand von spannenden Geschichten einfacher Leute.

Man schreibt das Jahr 1887. Die Höllentalbahn, die Zugverbindung von Freiburg in den Hochschwarzwald, wird eröffnet. Und nun geht es richtig los mit den Fremden, mit dem Verkehr, mit dem Verdienen daran. Eine späte Bestätigung für Franz Otto Eigler. Der Freiburger Mediziner, der schon früh das Potenzial des Titisees erkannt hatte, sich in den 1850er Jahren ein kleines Haus samt Seegrundstück sicherte, mit der Bewirtung der Gäste begann und später ein Hotel bauen sollte, lag über Jahrzehnte mit den Behörden im Clinch und wurde von ihnen ausgebremst. Doch die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten. Auch anderswo im Schwarzwald sollten gegen Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Hotels und Sanatorien öffnen.

Eiglers Geschichte ist nur eine unter vielen, die Thomas Binder, ein in Freiburg lebender Jurist und Gästeführer für den Naturpark Südschwarzwald, zusammengetragen hat. Er will die Geschichte des Schwarzwaldes nicht anhand von Kriegen, Herrschern oder Jahreszahlen erzählen, sondern anhand der Geschichte vieler Menschen, die nur halbprominent waren, die aber dennoch ihre Spuren hinterlassen haben. Binder stützt sich dabei auf Ortschroniken, Gerichtsakten und mündliche Überlieferungen, seine Geschichte des Schwarzwaldes beginnt mit den Kelten und endet im 20. Jahrhundert. Dass Einzelschicksale nicht repräsentativ sind und dass die Geschichte des Schwarzwaldes damit nur gestreift, nie aber in sie eingetaucht wird, ist dem Autor bewusst.

Wie also lebten unsere Vorfahren? Sie kämpften, sie litten und sie liebten, so wie wir heute auch. Binder unterteilt sein gut lesbares Buch in 16 Kapitel, benannt sind diese mit Verben – "beten" etwa erzählt vom Leben in Schwarzwälder Klöstern im Mittelalter, "lieben" von der oft schwierigen, stark reglementierten und unromantischen Partnerwahl in den Dörfern und auf den Höfen, "aufwachsen" von der Kindheit und Jugend im Schwarzwald, die Verhätschelung nicht kannte.

Im Kapitel "widerstehen" wird die Geschichte von Wilhelm Kasper nacherzählt, jenem ledigen Landwirt aus dem kleinen Ort Nussbach im Renchtal. Im Juni 1938 steht die Gestapo vor seiner Türe, sie holen ihn ab, alle hatten das erwartet, auch er selbst. Wilhelm Kasper ist einer, der seinen Mund nicht halten kann, der Juden in Schutz nimmt und der seinen Widerwillen gegen die Nazis an diese selbst adressiert: mit Hilfe von kritischen Briefen an Zeitschriften wie "Der Stürmer" oder an Adolf Hitler persönlich. Er stirbt 1945, jedoch nicht im KZ, sondern durch den Beschuss amerikanischer Flieger während der Zwangsarbeit. Geschichte ist manchmal bitter.

Thomas Binder: Kämpfen. Leiden. Lieben. Leben im Schwarzwald von den Kelten bis ins 20. Jahrhundert. Südverlag, Konstanz 2020. 210 Seiten, 18 Euro.