Wie stark müssen sich die Geher verbiegen?

Georg Gulde

Von Georg Gulde

Sa, 09. März 2019

Leichtathletik

Um die olympische Zukunft zu sichern, werden die Strecken künftig wohl von 50 und 20 Kilometern auf 30 und 10 verkürzt.

FREIBURG. Am Sonntag oder Montag fällt wohl eine Entscheidung, die einen Teilbereich der Leichtathletik revolutionieren könnte: Dann will der Internationale Verband (IAAF) entscheiden, ob die Wettbewerbe im Gehen über 20 und 50 Kilometer ersetzt werden durch die Distanzen 10 und 30 Kilometer. Zudem wird darüber beraten, "elektronische Kampfrichter" einzusetzen und damit quasi den Videobeweis im Gehen zuzulassen. Betroffen von den geplanten Änderungen sind auch zwei Spitzengeher, die in Freiburg leben: die 50-Kilometer-Spezialisten Carl Dohmann (28/EM-Fünfter) und Nathaniel Seiler (22/EM-Achter).

Können sich die IAAF-Funktionäre tatsächlich zu der Änderung durchringen, wären die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio vermutlich die letzten, bei denen der "lange Kanten", also der Wettkampf über 50 Kilometer, im Programm sein wird. Der Plan sieht vor, in Japan Wettkämpfe über 20 Kilometer (Frauen und Männer) sowie 50 Kilometer (Männer, eventuell auch Frauen) auszurichten. Bei der Weltmeisterschaft 2021 in Eugene (USA) sollen die 20 und 30 Kilometer (Männer und Frauen) gegangen werden, von 2022 an dann 10 und 30 Kilometer (Männer und Frauen).

Das Gehen gilt in der Leichtathletik seit jeher als Außenseiterdisziplin. Der watschelnde Gang ist das Markenzeichen. Erzeugt wird er durch zwei Regeln: Zum einen müssen die Sportler ständigen Bodenkontakt mit einem Fuß haben. Zum anderen muss das Knie des vorderes Beines beim Aufsetzen gestreckt sein. Hierdurch kommt eine markante Hüftbewegung zustande – der Watschelgang.

Robert Korzeniowski, 1996, 2000 und 2004 Olympiasieger über 50 Kilometer und Mitglied des IAAF-Geher-Komitees, ist trotz der eigenen Erfolge für die Streckenänderung. "Die Welt ändert sich schnell. Wir müssen realistisch und tapfer sein, um die Zukunft unseres Sports zu sichern – auch angesichts der Wünsche des Fernsehens und der digitalen Medien", sagt der 50-jährige Pole. Was er damit konkret sagen will: Das Fernsehen fordert eine Verkürzung der Strecken, weil es keine Vier-Stunden-Wettbewerbe will.

Der Großteil der Geher hingegen, national wie international, sieht den Vorschlag der Streckenverkürzung laut Carl Dohmann kritisch. So haben die Bundeskader-Athleten im Gehen einen Brief an die Kommission verfasst, in dem sie die Verkürzung der Strecken ablehnen.

"Elektronischer Kampfrichter" soll eingeführt werden

"Über 50 Kilometer ist Extremausdauer gefragt, das sollte so bleiben", sagt Dohmann. Zur weiteren Begründung dient ihm ein Alleinstellungsmerkmal: "Uns wird nur dann Respekt entgegengebracht, wenn wir einen Wettbewerb haben, der länger ist als der Marathon."

Außerdem soll ein "elektronischer Kampfrichter" beim Gehen installiert werden. Er soll automatisch erkennen, wenn jemand eine bestimmte Zeit lang keinen Bodenkontakt hat. Diesem elektronischen Kampfrichter stehen die Aktiven grundsätzlich offen gegenüber. Sie bemängeln aber, dass sie bislang kaum Informationen erhalten hätten, wie er in der Praxis funktionieren soll. Angeblich ist geplant, dass jeder Athlet Einlegesohlen mit einem Chip in seine Schuhe bekommt. Der Chip soll auf Druck reagieren, so dass erkannt werden kann, ob die Sportler mit mindestens einem Fuß Bodenkontakt haben. Wie weit die Neuentwicklung ist, die den Kampfrichtern helfen, diese aber nicht gänzlich ersetzen dürfte, wissen Dohmann und Co. indes noch nicht.

Dass die Vorschläge nun auf den Tisch kommen, hat einen einleuchtenden Hintergrund. Zum Ende des Jahres soll bei der IAAF die Geher-Kommission, die aus ehemaligen Aktiven besteht, aufgelöst werden. Und dann würden die obersten IAAF-Funktionäre allein über die Belange ihrer Außenseiterdisziplin entscheiden – und auch der Einfluss des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) dürfte größer werden. Das wollen die Geher nicht, weil sie fürchten, dann ganz aus dem Olympischen Programm zu fallen.