Lernen soll für Kinder und Jugendliche zum Erlebnis werden

Gerald Edinger

Von Gerald Edinger

Mo, 23. November 2020

Stühlingen

"Schmetterlingspädagogik" an der Alemannenschule nicht nur in Zeiten des Lockdowns erfolgreich / Das Modell eignet sich auch für die Zeit danach.

. Derzeit steigen die Fallzahlen von Menschen, die sich mit Covid-19 angesteckt haben. Einige Fachleute rechnen damit, dass auch Schulen bald wieder schließen werden. Beim Lockdown im Frühjahr zeigte sich, dass die Alemannenschule Wutöschingen (ASW) gut auf das Homeschooling vorbereitet war. "Aufgrund der Corona-Vorschriften sind wir gezwungen, den Unterrichtstag neu zu rhythmisieren", sagt Rektor Stefan Ruppaner. Er stellt die an der ASW entwickelte "Schmetterlingspädagogik" vor, die auch für die Zeit nach der Pandemie konzipiert wurde. Der Name leite sich vom Logo der Gemeinde und der Schule ab, so Ruppaner.

Als Erkenntnis aus dem Lockdown werden nun Lernmaterialien für alle Fächer produziert, was noch mehr Flexibilität ermögliche. Dem selbst organisierten Arbeiten der Lernpartner (Schüler) komme eine zentrale Bedeutung zu: "Die Kinder müssen selbst aktiv werden, ihren Alltag planen und strukturieren. Das bedeutet mehr Selbstverantwortung", betont Ruppaner. Die "Schmetterlingspädagogik" besteht aus zwei Seiten: Dem selbst organisierten Lernen (SOL), bei dem die Fakten vermittelt und gelernt werden, und dem Lernen durch Erleben. Zentrale Bedeutung komme dabei der Digitalisierung zu, die beide Seiten miteinander verbinde. Er selbst stamme aus einer Generation, die im Dorf herumstreunte, auf Bauernhöfen half oder im Wald spielte und so durch Erleben Erfahrungen sammelte. "Diese Aufgabe muss heute die Schule übernehmen. Lernen durch Erleben ist für alle jungen Menschen wichtig. Die Kinder sollen raus, wo das Leben spielt, das wollen wir ermöglichen", sagt Ruppaner.

Weil es keine festen Unterrichtspläne gebe, hätten die Kinder die nötige Freiheit, Erklärfilme, Lern-Apps oder andere Materialien zu produzieren. Dafür wurde im Rathaus ein Medienlabor eingerichtet. Hier können die Kinder und Jugendlichen ihre Filme oder Audiodateien herstellen und bearbeiten. "Mit dem Medienlabor wollen wir den Lernerfolg und die Lernfreude steigern", sagt der Schulleiter. Die fertigen Materialien werden auf die Digitale Lernplattform hochgeladen, um allen Lernbegleitern und -partnern den Zugriff zu ermöglichen. Gearbeitet wird grundsätzlich in Teams von Kindern mit gleichen Interessen, die sich ihre Ziele selbst setzen, erläutert Ruppaner. Bei sogenannten "Gelingensnachweisen" müssen die Kinder regelmäßig ihre Kompetenz in den unterschiedlichen Fächern belegen. "Jeder soll sein Ding finden", erklärt der Schulleiter.

An der Gemeinschaftsschule gebe es zum Beispiel einen jungen Fußballer, der in der U16-Nationalmannschaft spiele, zwei Kartfahrer und eine Schülerin reite auf hohem Niveau. Durch das digitale Lernen und das Fehlen eines festen Stundenplans seien diese Aktivitäten kein Problem. "Sie lernen doppelt so schnell wie in der Schule", sagt der Rektor über das Lernen zu Hause. Negative Auswirkungen beim Homeschooling befürchtet Ruppaner nach den Erfahrungen im Frühlings-Lockdown jedenfalls nicht.

Ziel des erweiterten Modells an der ASW sei es, dass Kinder und Jugendliche lernen, sich selbst zu motivieren, zu organisieren und Probleme kreativ zu lösen, sie flexibel sind und mit moderner Technik umgehen können. "Mit dem bisherigen Unterricht in 45-Minuten-Blöcken ist das nicht möglich, die Schüler brauchen Freiheit fürs Lernen", ist der Rektor überzeugt. Ein wenig hofft Stefan Ruppaner, dass der Schmetterlingseffekt einen "Tornado in Stuttgart und Berlin auslöst".

Beim selbstorganisierten Lernen soll der Prozess des Wissenserwerbs durch die Lernenden selbst mitgesteuert werden. Neben fächerspezifischen Arbeitstechniken und Lernstrategien, müssen den Lernenden hervorragend konzipierte Lernmaterialien zur Verfügung gestellt werden. Digitalisierung ist dabei das entscheidende Werkzeug. Lernen durch Erleben knüpft an die Fähigkeit und das Bedürfnis der Menschen an, Erkenntnisse und Schlussfolgerungen für das eigene Verhalten vor allem aus den persönlichen Erfahrungen zu ziehen. Dabei geht es im Besonderen darum, neue Lösungswege und Handlungsoptionen zu erkunden. Dabei ist es die Aufgabe der Schule, Situationen zu schaffen, in denen Lernen durch Erleben stattfinden kann.