Rotlichtmilieu

Clemens Meyers „Im Stein“: Sachsensumpf

Jürgen Verdofsky

Von Jürgen Verdofsky

Sa, 07. September 2013

Literatur

Aus dem Überlebensgebiet der Begierden in Leipzig und anderswo: Clemens Meyers Roman "Im Stein" begibt sich unerschrocken ins Rotlichtmilieu.

Clemens Meyer erzählt in seinem auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman "Im Stein" wie in seinen Vorgängertexten in schwindelerregender Deutlichkeit, was andere bestenfalls mutmaßen. Aber was sich schon in dem Roman "Als wir träumten", in den Stories "Die Nacht, die Lichter" und "Gewalten" zeigte, die Realität an sich genügt Meyer auch in seinem neuen Roman nicht. Er unterläuft das Reale, bewahrt es und zieht es zugleich tiefer in einen durchdringenden Surrealismus. Meyer steigert sich, rasant kunstvoll gelingt ihm eine große vielstimmige Partie. "Im Stein" führt er auf, Recht ist nichts anderes als ein moralisches Minimum. Nicht anders funktioniere auch das Überlebensgebiet der Prostitution.

Ein "Sachsensumpf" wirft erkennbare Schatten: der Absturz eines Immobilien-Tycoons, ein Rotlicht-Krieg der Neueinrichter und nicht zuletzt das Bordell "Jasmin" mit minderjährigen Huren. Der Betreiber erhielt lediglich vier Jahre Haft, gegen die Freier wurde nicht ermittelt. 1993 und 1994 war Wildwest in Leipzig, mit bundesweiter Presse. Nicht nur im Rotlicht, auch in der Immobilienbranche wurde scharf geschossen. In allen Flüsterstärken schwirren bis heute die Legenden durch die Stadt, die Meyer so kunstvoll bedient, dass sie nur touchiert werden müssen, um einen ganzen Kontext aufzurufen. Aber die Erzählstränge verlieren sich nicht im Netz des "Sumpfes". Tatsachen ergeben bestenfalls eine Wirklichkeit, sie mögen noch so rigoros und unabdingbar sein, aber Meyers Wahrheit liegt woanders. Er stößt auf einen "Krieg seit über zwanzig Jahren. Indem sich alles ineinanderschiebt, die Legierungen der Macht und des Geldes".

Meyer fusioniert die Nachbarstädte Leipzig und Halle zu einer namenlosen Metropolis, "fast wie aus der Zukunft", ein "Eden City, Stadt des Vergessens", in Anspielung auf die Tunnelwelt in einem ostdeutschen Science Fiction und die Ewigkeits-Baustelle einer Fünf-Stationen-U-Bahn. Auch wenn zugleich alle roten Lampen aufleuchten, ein Klischee ist ein Klischee, aber hundert Klischees werden etwas anderes, siehe "Casablanca". Rotlicht – das ist eines dieser Sujets, die man nicht ...

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