Ihr Wohnsitz ist die Sprache

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Sa, 11. Juli 2020

Literatur & Vorträge

In Jhumpa Lahiris Roman "Wo ich mich finde" geht eine Frau in 46 episodischen Kapiteln auf die Suche nach sich selbst.

Das Viertel ist menschenleer, die Bars und Geschäfte sind geschlossen. Der Anblick der verlassenen Piazza: so ungewohnt wie wohltuend. In den gewöhnlich verstopften Straßen flaniert es sich zur Abwechslung schwerelos. Doch dann ist die Freude plötzlich verflogen. Unversehens wirkt die Stadt auf die namenlos bleibende Ich-Erzählerin von Jhumpa Lahiris Roman wie ausgestorben. Jäh beginnt sich die Flaneurin nach der hektischen, zermürbenden Normalität zu sehnen.

Eine Empfindung, wie man sie in Zeiten des Coronavirus nur zu gut kennt. Hier ist sie durch den Ferragosto verursacht. Wir sind in Italien, im Ferienmonat, der mit seinen "verordneten Schließungen", so lesen wir, die Menschen ans Meer oder in die Berge treibt. Weil sie – dafür haben wir alle ein Sensorium entwickelt – das zum Erliegen gekommene Leben nicht ertragen. Das Viertel in der verlassenen Stadt, in dem sich die Ich-Erzählerin geborgen und wohl fühlt, verfällt "wie eine alte, einst strahlende Frau".

"Im August" heißt die Episode und handelt von einem privaten Flohmarkt, von der Bedeutung der einfachen Dinge und der Endlichkeit des Daseins. Die geschlossenen Läden und leeren Straßen bilden die Kontrastfolie für die Aktion eines jungen Mannes, der das Interieur seiner Wohnung mit vielen überflüssigen Dingen nach außen kehrt, auf den Bürgersteig, als Kaufangebot an die Passanten. Den Trödel, den ihm die Eltern hinterließen, will er loswerden, damit seine Freundin wieder bei ihm übernachtet. Und weil es sonst nichts zu kaufen gibt, nimmt die Ich-Erzählerin ihm an manchen Tagen etwas ab. Zwei Gläser. Alte Zeitschriften. Eine Kette. Ein Bild. Liebt sie doch die einfachen Dinge, die das "Dasein aufwerten", wie an anderer Stelle zu lesen ist. Als "nachhaltige Spuren, die das alltägliche Leben hinterlässt", erinnern die abgenutzten Gegenstände sie an die Vergänglichkeit des Lebens.

"Dove mi trovo": Den Titel des italienischen Originals übersetzt die deutsche Ausgabe wörtlich mit "Wo ich mich finde". Ein merkwürdiger Titel. Im Unterschied zu der im Deutschen möglichen fast gleichlautenden Wendung "Wie ich mich befinde" liegt der Akzent auf Räumlichkeit. Und auf Prozessualität: dem sich Finden gegenüber dem stationären Modus des sich Befindens. Tatsächlich zeichnen die tagebuchartigen Notizen der zurückgezogen lebenden Frau in den Vierzigern, die ohne Begeisterung an einer Universität arbeitet, eine Bewegungskurve nach, so wenig in den 46 Kapiteln auch geschehen mag. Man könnte von der Vermessung der Lebenswelt eines modernen Subjekts sprechen. Das feine Sensorium, das stimmungsmäßig schwankende Gemüt der Ich-Erzählerin wäre so etwas wie das Vermessungsinstrument. Fast alle Kapitel tragen Ortsbezeichnungen: "Im Schwimmbad", "In der Buchhandlung", "Bei mir zuhause". Das vorletzte Kapitel deutet mit der Überschrift "Nirgendwo" die Fluchtlinie der Kurve an.

Das innere sich Finden ist immer auch ein sich (Neu-)Erfinden. Um die Ich-Erzählerin muss man nicht besorgt sein. Nicht Unbehaustheit oder Entwurzelung ist das zentrale Thema des Buchs der US-Amerikanerin mit bengalischen Wurzeln. Entfremdung als Folge von Migration und kultureller Nichtzugehörigkeit auch in der Sprache hatte Lahiri in einem frühen Band mit Short Stories, für den sie den Pulitzerpreis gewann, zum Gegenstand gemacht ("Interpreter of Maladies", "Melancholie der Ankunft"). Lahiri entdeckte irgendwann ihre Liebe zu Italien und zum Italienischen. Seit drei Jahren schreibt sie auf Italienisch. Der Selbstfindungsprozess der Ich-Erzählerin kennt Phasen des Selbstverlusts, der Verzagtheit, Orientierungslosigkeit. Die verschwiegenen, stillen Geschichten sind erfüllt von schöner Ernsthaftigkeit; wobei von Geschichten zu sprechen zu viel gesagt ist. Beobachtungen, Notizen, Stimmungsbilder: Das Buch ist ein Kaleidoskop von Situationen und Emotionen. Als Episoden und kleine Erzähljuwelen fügen sich die Kapitel wie Mosaiksteinchen zusammen. Der Stil ist unprätentiös, nüchtern-lakonisch. Der sachte Beginn nimmt sofort für das Buch ein: "Auf dem Bürgersteig" erzählt von einem Gedenkstein an der Straße für einen jungen Mann und dem in einer Klarsichtfolie steckenden Dank der Mutter des Gestorbenen an den einen Moment lang verweilenden Passanten.

Man kann das Buch als Selbstporträt einer Frau lesen, die nie geheiratet, aber Erfahrungen mit verheirateten Männern gemacht hat. Eines Menschen, der unsicher und labil ist, auch wenn die Tochter einer Freundin, die sie selbst ihres Selbstbewusstseins wegen bewundert, zu ihr sagt: "Ich will eine starke Frau sein so wie du." Als ihren "Wohnsitz" erkennt sie die Sprache: die Wörter, "die für mich die Welt bedeuten".

Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde. Roman. Aus dem Italienischen von Margit Knapp. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 160 Seiten, 20 Euro.