Zeichnungen & Trickfilme

In Freiburg beginnt das Comic-Festival Comixconnection

Jürgen Schickinger

Von Jürgen Schickinger

Mi, 18. Januar 2017

Literatur & Vorträge

BZ-INTERVIEW mit Beate Wild über Comixconnection in Freiburg.

Beate Wild bezeichnet Comixconnection als ihr aufregendstes Projekt. Es präsentiert in Freiburg fast zwei Monate lang Comics, Zeichnungen und Trickfilme von Künstlern aus Serbien, Kroatien, Slowenien, Ungarn, Rumänien, Bosnien und Herzegowina. Für Ostmittel- und Südosteuropa ist Wild auch am Museum Europäischer Kulturen Berlin zuständig, wo die promovierte Ethnologin und Romanistin arbeitet. Mit ihr sprach Jürgen Schickinger über Inhalte und Ziele der Veranstaltung.

BZ: Frau Wild, worin liegt der besondere Reiz von Comixconnection?
Wild: Insgesamt sind mehr als 60 Künstlerinnen und Künstler aus sechs Ländern mit ganz unterschiedlichen Comictraditionen vertreten. Um dieses Spektrum kennen zu lernen, müssten Sie sonst 60 Bücher kaufen. Zudem handelt es sich nicht um kommerzielle Strips, sondern um Independent-Comics. Sie bewegen sich weder auf dem Niveau von Micky Maus oder Asterix, noch sind sie unter finanziellem Druck entstanden. Die Künstler schaffen diese Comics aus dem Bedürfnis heraus, ihre Geschichten als Wort-Bild-Kombination erzählen zu wollen.
BZ: Independent-Comics richten sich an spezielle Zielgruppen. Ist Comixconnection für ein breites Publikum geeignet?
Wild: Sie eignet sich für alle, selbst für Kinder. Ich sage oft: Ein Comic kommt selten allein. Viele der vorgestellten Künstler leben nicht vom Comiczeichnen. Sie arbeiten etwa als Grafiker, Buchillustratoren oder als Künstler auf anderen Gebieten. Comixconnection geht über Grenzen des Genres hinaus. Da ist für alle etwas dabei.
BZ: Welche Stellung haben die Comics in ihren jeweiligen Ursprungsländern?
Wild: Das unterscheidet sich stark. Im ehemaligen Jugoslawien haben Comics schon vor dem Zweiten Weltkrieg eine entscheidende Rolle gespielt. Auch Tito mochte sie und hat das Genre später nicht unterdrückt. Kommerzielle Serien konnten sich gut am Markt halten. Eine alternative Szene entwickelte sich vor allem in den 1990ern. Viele der Künstler haben eine technisch hervorragende Ausbildung und machen noch Plakate, Wandmalereien, Graffiti und andere Street Art. Sie sind sehr präsent. Dagegen gab es im sozialistischen Ungarn höchstens propagandistische Comics für Kinder und im sozialistischen Rumänien noch ein paar Serien aus Frankreich. Hier mussten die Künstler ab 1989 viel nachholen. Langsam baut sich da eine eigenständige Comicszene auf.
BZ: Gibt es einen Austausch zwischen diesen Szenen?
Wild: Wir haben ab 2011 Künstler und Netzwerker interviewt, etwa Verleger, Vertriebe und Veranstalter von Comicfestivals. Ihr Blick ging hauptsächlich nach Westen. Mit Comics aus Mitteleuropa kannten sich viele gut aus. Es gab auch ein paar Kontakte zwischen den alternativen Szenen der ex-jugoslawischen Länder, aber keine von dort nach Rumänien und Ungarn. Eine gegenseitige Wahrnehmung existierte kaum. Durch Comixconnection hat sich das geändert. Über unsere Arbeit haben große TV-Sender und andere Medien in den Herkunftsländern mehrfach berichtet. Comixconnection hat dort mittlerweile 17-mal stattgefunden. Der alternativen Szene hat das viel Anerkennung eingebracht und neue Kontakte. Anfangs war es schwierig, Projekte mit Künstlern oder Comicforschern aus benachbarten Ländern zu organisieren. Inzwischen kommen regelmäßig Anfragen. Es gibt mehrere grenzüberschreitende Aktionen wie beispielsweise gemeinsame Workshops und Buchprojekte.
BZ: Welche Ziele hat Comixconnection?
Wild: Die Künstler sollen über ihren Tellerrand schauen und höhere Wertschätzung erfahren. Das haben wir erreicht. Ich will auch mentale Grenzen einreißen und die Akzeptanz von Comics als Kommunikationsmedium verbessern. Ich sähe es gern, wenn Comics in andere Bereiche vordringen, etwa in Schulbücher. Da könnten sie eine wesentlich höhere Speicherbereitschaft erreichen als herkömmliche Bücher. Die Kombination aus Wort und Bild kommt den heutigen Sehgewohnheiten von Kindern entgegen. Wertvoll können Comics auch dort sein, wo Worte fehlen. Ein Beispiel sind traumatisierte Kriegskinder, die ihre Erlebnisse zeichnen und sie so besser verarbeiten. Es gibt viele, kaum genutzte Möglichkeiten, mit dem Medium Comic zu arbeiten.