Wie Paris klang

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mi, 22. Mai 2019

Literatur & Vorträge

SACHBUCH: Der Musikjournalist Volker Hagedorn unternimmt eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts.

Natürlich kann man Klang nicht lesen. Man kann ihn hören, man kann ihn spüren, man kann ihn fühlen, man kann ihn nachfühlen. Aber auch – ihn sich vorstellen. Mittels Lesen. Volker Hagedorn jedenfalls gelingt es mit seiner "Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts" (Untertitel), dass "Der Klang von Paris" (Titel) sich auf über 400 Seiten zwischen den Zeilen entfaltet. Erst recht dann, wenn man die Musik, von der die Rede ist, kennt. Voraussetzung ist das nicht. Hagedorns Streifzug über den Stadtplan, der auf den inneren Umschlagseiten abgebildet ist, ist auch ein virtueller Reiseführer, der Lust macht auf diese Capitale des 19. Jahrhunderts – und die Musik, die sie umgibt.

Der Musiker und Musikjournalist Hagedorn ist ein kundiger Begleiter. Mehr als das – ein Erzähler, der Menschen und Ereignisse zusammenführt, um so Grundzüge der Musikgeschichte erfahrbar zu machen. Seine Methodik ist keine wissenschaftliche, dafür aber eine wunderbar feuilletonistische: Hagedorn begleitet seine Figuren im Präsens. Zum Beispiel den 63-jährigen Gioacchino Rossini, Komponist a. D., bei seinem Wiedersehen mit einem Paris, in dem er sich kaum noch zurechtfindet. Der Baron Georges-Eugène Haussmann hat nämlich in den 1850ern als Stadtpräfekt Napoléons III. begonnen, der Stadt jenes architektonische Gesicht der Belle Epoque zu verleihen, das sie bis in die Gegenwart in wesentlichen Zügen prägt. Rossini vermisst sein altes Restaurant, das "Veau-qui-tette". Der Kutscher antwortet: "Ha, Monsieur! Es tut mir leid. Den Bau hat Osman-Pascha abreißen lassen. Er lässt hier ein Theater bauen, habe ich gehört!" Durch solche "szenischen" Elemente transportiert der Autor viele Informationen, lässt seine Leser geschichtliche Ereignisse miterleben. Das Theater, von dem die Rede ist, wird das Théâtre du Châtelet. Und Osman-Pascha – er war der Befehlshaber der mit Frankreich im Krimkrieg verbündeten osmanischen Flotte. Die französische Aussprache von Haussmann – "Oosman" – führte zu diesem Spitznamen.

In einem ausführlichen Anmerkungsverzeichnis am Ende des Bandes erläutert Hagedorn solche Hintergründe, wenn er es nicht direkt im Text tut. Das ist einerseits Leserservice, andererseits nicht besonders praktisch im Handling, da der Autor auf Fußnoten verzichtet. Man muss also immer auf Verdacht schauen, ob es zur jeweiligen Seite Informationen gibt. Das heißt – man muss es nicht. Denn "Der Klang von Paris" ist zuvörderst Lesebuch und keine historische Abhandlung.

Jedes der sechs chronologisch angeordneten Kapitel beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den musikalischen Fixpunkten der Zeit und ihren Schöpfern. Zu Beginn erleben wir den jungen Medizinersohn Hector Berlioz auf seinem Weg von der Provinz in die Metropole, in der im Nachklang des Wiener Kongresses wieder ein Bourbonen-König residiert. Später begleiten wir Aurore Dudevant in Männerkleidern durch das Paris, in dem mittlerweile "Bürgerkönig" Louis Philippe zum neuen Herrscher avancierte, und begreifen allmählich, dass die resolute Autorin und Kritikerin keine andere als George Sand ist, später für eine Zeit Frédéric Chopins Lebensgefährtin. Oder mehr? Auch das wird in dem Buch diskutiert.

Alle kommen in dieses Paris, das längst zum Moloch geworden ist, in dem Krankheiten wie die Cholera wüten: Paganini, Liszt, Chopin, Heine, Wagner. Und auch Volker Hagedorn. Ganz urplötzlich wechselt er in seinen Kapitel die Perspektive, blendet sich aus der erzählten Historie aus, mitten hinein in das heutige, 7,7 Millionen Einwohner zählende Paris (freilich noch das vor dem Brand von Notre-Dame). Dort kann man dann den Autor begleiten, auf den Spuren seiner Figuren. Zum Beispiel Heinrich Heine, der nicht vor der Cholera flieht, sondern sich stattdessen auf den höchsten Punkt des Friedhofs Père Lachaise begibt, vorbei an der "Todtenemeute", "an neu ausgehobenen Kalkgräbern". Der Autor Hagedorn dagegen hat 185 Jahre danach Schwierigkeiten, diesen höchsten Punkt überhaupt noch zu finden, "noch weniger den Blick auf die Stadt". Diese Überblendtechnik macht aus dem "Klang von Paris" ein Weiteres – ein filmisches Dokuformat.

Ein Lesebuch eher als eine historische Abhandlung

Die Ausflüge in die Gegenwart sind wohl dosiert – im Zentrum bleibt das 19. Jahrhundert. Wobei Hagedorns Besuche bei dem Offenbach-Experten Jean-Christophe Keck und dem Berlioz-Forscher Michel Austin spannende Brücken in die Gegenwart schlagen. Einen szenischen Höhepunkt breitet Hagedorn genüsslich und mit höchster Spannung aus: den "Tannhäuser"-Skandal von 1860. Immer wieder weist der Autor auf die Widersprüche in Wagners Autobiographie "Mein Leben" hin: Wagners Bild von Paris entbehrt in vielen Fällen nicht des Weglassens und Sich-Zurechtrückens.

Gegen Ende wird man doch etwas wehmütig beim Lesen. So wie der langsame Satz aus Camille Saint-Saëns’ erstem Klaviertrio klingt. Der Komponist steht als letzter Vertreter dieses großen französischen Klangs des 19. Jahrhunderts auch am Ende von Hagedorns Betrachtungen. Der Autor sitzt unterdessen im Zug zum Flughafen und folgt interessiert einem zu harten Beats tanzenden Paar. Jede Zeit hat ihren Klang...

Volker Hagedorn: Der Klang von Paris. Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2019. 410 Seiten, 25 Euro.