Juristin zeigt, wie Tierschutz gegen Wirtschaft verliert

Daniela Gschweng

Von Daniela Gschweng

Fr, 29. März 2019

Lörrach

Gesetze wären da, es hapert am Maßstab und der Umsetzung / Halter werden für Investitionen in gute Tierhaltung nicht belohnt .

LÖRRACH. "Wir haben keinen Tierschutz", sagt Gabriele Tautz, "allenfalls auf dem Papier." Starke Worte für eine Juristin. In ihrem Vortrag bei der Volkshochschule (VHS) hat sie am Mittwochabend einen Überblick über die Gründe dafür gegeben. Sie begann mit einem Zahlengewitter: 56 Millionen Schweine wurden 2018 in Deutschland gemästet, geschlachtet und gegessen, 3 Millionen Rinder und 1,6 Millionen Tonnen Hühner, die schon gar nicht mehr gezählt, sondern als Masse angegeben werden.

Unter welchen Bedingungen ihr Leben abläuft, ist vielfach dokumentiert worden. Massen- oder besser Intensivtierhaltung, präzisierte Tautz, müsse vor allem effektiv sein. In sieben Wochen sei ein Huhn schlachtreif, in sechs Monaten ein Schwein, Kälber leben 16 Wochen, um wenig mehr zu tun als zu fressen. Am Ende ihres Lebens könnten sie sich nicht mehr umdrehen. Fast alle Tierarten würden durch die beengte Haltung verhaltensauffällig. Damit sie sich nicht gegenseitig verletzen, werden Hühnern die Schnäbel gekürzt, Schweinen die Schwänze abgeschnitten oder die Tiere werden sehr engen Boxen gehalten.

Darüber, ob Tiere Leid empfinden, müsste man sich gar nicht mehr unterhalten. Gesetze zu ihrem Schutz finden sich im Grundgesetz. In Artikel 20a steht: "Der Staat schützt … die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung …" Dazu gibt es das Tierschutzgesetz. "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen", heißt es gleich im ersten Paragrafen.

Juristisch, so Tautz, sei Letzteres eine Ermessensfrage. Der Richter, der das Gesetz anwendet, müsse entscheiden, was ein vernünftiger Grund sei. Praktisch, demonstrierte sie an Urteilen, werde das wirtschaftliche Wohl des Halters höher gewichtet als der Tierschutz. Ein Geflügelhalter, der männliche Küken nicht schreddern dürfe, müsste schließen, argumentierte beispielsweise das Oberverwaltungsgericht Münster 2016. Ähnliche Argumente fielen für die betäubungslose Ferkelkastration, deren Anwendung gerade für zwei weitere Jahre erlaubt wurde. Andere Gesetze und Vorgaben scheiterten an mangelnder Kontrolle. Für Tautz ist das ein Skandal.

Dass es geht, zeigt sich in der Schweiz. Dort werden Ferkel seit zehn Jahren unter Betäubung kastriert. Gute Tierhaltung sei eben teurer. Für viele Schweizer sei der Tierschutz soviel wert wie der Treibstoff, den sie bräuchten, um zum günstigeren Fleisch zu gelangen, wandte ein Zuhörer ein. Als Halter von 20 Kühen betreffe ihn das Thema persönlich: "Niemand gibt dir was, wenn du deine Tiere gut behandelst." Um zu überleben, täte ein Halter am besten das, wofür er die meisten Subventionen bekomme, das Tierwohl spiele keine große Rolle.

Die Macht der Konsumenten in einem globalen Mark sei leider begrenzt, fanden etliche Zuhörer. Dennoch riet Tautz, sich fürs Tierwohl einzusetzen. Um dem Gesetz mehr Wirkung zu verschaffen, schlägt sie eine Ethikkommission mit allen Beteiligten vor: Groß- und Kleinbetrieben, Ethikern, Juristen, Gesetzgebern, Tierrechtsverfechtern, Medizinern und Umweltwissenschaftlern. "Gesund ist Massentierhaltung nämlich auch für Mensch und Umwelt nicht", stellte sie mit Verweis auf die EU-Nitratrichtlinie fest, die Deutschland seit Jahren verletzt, weil zu viel Gülle ins Grund- und Oberflächenwasser fließt.