Hochschulsport

Selbstversuch: Wie ich zum Segelfliegen in Kirchzarten überredet wurde

Gina Kutkat

Von Gina Kutkat

Fr, 28. August 2020 um 11:40 Uhr

Sport (fudder)

Semesterferien auf dem Flugplatz: 14 Studierende der Uni Freiburg dürfen beim Breisgauverein für Segelflug in die Lüfte gehen – und selber ein Segelflugzeug steuern. Möglich macht’s ein Hochschulsport-Angebot. fudder-Redakteurin Gina Kutkat ist spontan mitgeflogen.

Während andere Studierende gerade in der UB oder zuhause sitzen und an ihren Hausarbeiten schreiben, lernt ein anderer Teil, wie man ein Segelflugzeug fliegt: Seit rund einer Woche campen 14 Studierende der Uni Freiburg auf einem Feld bei Kirchzarten und nehmen Schnupperstunden im Segelfliegen. Was sie richtig gemacht haben? Sie haben den Semesterferien-Kurs im allgemeinen Hochschulsport gebucht – ein Angebot, das Pilot Nils Wiegmann mit dem Breisgauverein für Segelflug vor ein paar Jahren ins Leben gerufen hat.

"Heute Abend fliegen wir bis zum Sonnenuntergang", sagt Wiegmann zu seinen Teilnehmenden, die sich in den letzten Tagen richtig gut kennengelernt haben: Eine Woche verbringen sie auf dem Segelflugplatz in Kirchzarten, essen, pauken und fliegen gemeinsam. "Segelfliegen ist ein Teamsport", fügt Alexander Gütermann hinzu, der dem Piloten an diesem Tag als Fluglehrer assistiert. Und während er den Start eines Flugzeugs durchgibt – "ASK 13, doppelsitzig, startklar" – machen die Studierenden das nächste Flugzeug fit oder breiten sich auf ihren eigenen Flug vor. Nichtsahnend mache ich fleißig Notizen, frage die Studierenden nach ihren Erfahrungen und bin heilfroh, nicht selber in die Luft zu müssen. Zu früh gefreut.

Gestartet wird gegen den Wind

Die Faszination des Segelfliegens – die darf jeder Teilnehmer mehrmals in den sieben Tagen erleben. "Jeden Tag pro Person zwei Flüge unter Aufsicht eines Lehrers, das ist realistisch", sagt Nils Wiegmann. Solange das Wetter mitspielt, versteht sich, denn wie jeder Natursport ist das Segelfliegen davon abhängig. Doch auch wenn es regnet, gibt es genügend Theorie zu pauken – auch das gehört zum Segelfliegen dazu. Heute spielt das Wetter mit, es ist etwas bewölkt, der Wind kommt aus Norden. In Doppelsitzer-Segelflugzeugen vom Typ ASK 13 und 21 wird gegen den Wind gestartet.
Selbstversuch: Segelfliegen

"Möchten Sie auch mal mitfliegen?", fragt Wiegmann mich spontan. Zehn Minuten später schnalle ich mir einen Fallschirm auf, bekomme eine Sicherheitseinweisung und sitze auf einmal hinten im Doppelsitzer. Ich tippe eine schnelle Nachricht an meine Freunde – "Es war schön mit euch" – und hebe kurz darauf ab. Der Start ist so krass, dass mir kurz die Luft wegbleibt. Ich werde so sehr in den Sitz gedrückt, dass ich gar nicht merke, wie hoch wir mittlerweile gestiegen sind. Es macht kurz "Plopp", dann hat sich unser Flugzeug vom Windenseil gelöst – und wir segeln lautlos durch die Luft.

Ich schaue rechts runter, links runter und erkenne Kirchzarten wieder: Da bin ich gerade mit dem Rad gefahren! Da vorne ist das Dreisambad! "Wir kreisen jetzt ein bisschen. Ist es nicht ruhig hier oben?", fragt Nils Wiegmann mich begeistert. Es ist ein wirklich wunderbares Gefühl – bis mich mein Magen im Stich lässt. Fünf Minuten sind wir da erst in der Luft, aber lange werde ich das nicht mehr aushalten. "Darf ich noch ein bisschen kreisen?", fragt Nils Wiegmann. "Nein", stöhne ich, mein Gesicht ist bestimmt schon Grün. Und weil Wiegmann ein Profi ist, reagiert er in Sekundenschnelle und bald landen wir wieder auf dem Feld des Breisgauvereins.

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Flying high in the Mittagspause @breisgauverein_segelflug #lovemyjob

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Auch seinen Studierenden wird öfter’s mal schlecht, sagt Wiegmann. Dagegen hilft nur: Reisetabletten und die Erfahrung: "Je öfter man fliegt, desto besser wird’s". Und damit die Routine kommt und geflogen werden kann, so oft es geht, sind die Studis als temporäre Mitglieder beim baden-württembergischen Luftsportverband angemeldet. Das erlaubt ihnen, eigenhändig das Steuern auszuprobieren. "45 Minuten bin ich gestern in der Luft gewesen", erzählt eine junge Studentin. Anfangs habe sie ein mulmiges Gefühl gehabt, das sei dann nach ein paar Minuten verschwunden. "Am meisten Angst hatte ich vor dem Start und dem schnellen Hochsteigen."

In zwei Sekunden auf 80 Km/h

Denn das Segelflugzeug wird mit Hilfe einer Seilwinde in die Luft gebracht – und beschleunigt dabei in zwei Sekunden auf etwa 80 Kilometer pro Stunde. Kaum wundert man (Ich!) sich noch über den rasanten Start, da segelt man schon lautlos wie ein Vogel durch die Lüfte. In Kreisen geht’s über Kirchzarten mit Blick über das gesamte Dreisamtal bis zu den Vogesen. Wenn die Thermik es erlaubt, kann man bis zu acht Stunden in der Luft bleiben. Für mich eine kleine Horrorvorstellung, für andere das schönste Gefühl der Welt: "Fliegen mit Sonnenenergie" fasst Nils Wiegmann die Liebe zu seinem Sport zusammen. "Jeder Flug ist anders – und alleine kommt man nicht in die Luft", fügt Alexander Gütermann hinzu. Fliegen ist nichts für Feiglinge, das wird mir an diesem Nachmittag in Kirchzarten klar: Vom vorgeschriebenen Fallschirm, den jeder umschnallen muss, über den zackigen Windenstart bis hin zum mulmigen Bauchgefühl in der Luft (oder war es die aufkommende Übelkeit?). "Flugangst sollte man natürlich nicht haben, wenn man bei uns mitmachen will", sagt Alexander Gütermann. Weitere Voraussetzungen sind körperliche Fitness, Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit und die Bereitschaft, im Team zu arbeiten.

Noch bis Sonntag dauert der diesjährige Schnupperkurs, der mit 240 Euro recht günstig ist. Wer sich nach der Schnupperwoche ins Segelfliegen verliebt hat, kann die im Kurs gesammelte Erfahrung für die Segelfluglizenz anrechnen lassen – und im Breisgauverein die Sportpilotenausbildung für Segelflugzeuge absolvieren. Mehr zum Thema: