Westküste Südafrika

Malerische Route 27 in Richtung Norden

Falk Zielke

Von Falk Zielke (dpa)

Mi, 13. November 2019 um 20:48 Uhr

Reise

Die Küstenstraße von Kapstadt bis nach Velddrif ist ein Stück unberührtes Südafrika. Am Atlantik steckt der Tourismus zum Teil noch in den Kinderschuhen. Der Weg führt auf die Spuren der San.

Zugegeben: Ohne Navi ist es nicht leicht, den Weg heraus aus der Stadt zu finden. Zumindest, wenn man gerade zum ersten Mal in seinem Leben in Kapstadt gelandet ist. Die Navi-App ist wichtig, wenn der Weg das eigentliche Ziel der Reise ist – genauer gesagt die Route 27. Die knapp 150 Kilometer lange Straße an der südafrikanischen Westküste beginnt in Kapstadt und führt vorbei am Bloubergstrand mit dem Blick auf den Tafelberg, durch den West Coast National Park und endet im Küstenort Velddrif.

Geheimtipp am Atlantik

Beworben wird die Strecke als Geheimtipp entlang des Atlantischen Ozeans. Auf den ersten Kilometern will diese Beschreibung jedoch nicht so recht passen: Die Fahrt geht durch sichtbar ärmere Vororte und vorbei an heruntergekommenen Gewerbeparks. Einladend sieht anders aus. Und wenn man die Stadtgrenze passiert hat, führt die Strecke vorbei an einem großen Kraftwerk, von dem unzählige Überlandleitungen den produziertem Strom in die Umgebung transportieren.

Ihren eigentlichen Charme entfaltet die Route 27 erst einige Kilometer außerhalb von Kapstadt. Die Straße, die auf manchen Abschnitten fast wie mit dem Lineal gezogen erscheint, führt durch die für die Gegend typische Fynbos-Landschaft – weite offene Flächen, die sich im August und September in ein Blütenmeer verwandeln. Blühende Wildpflanzen überziehen dann die Landschaft mit einem riesigen bunten Farbteppich.

Das ist die Jahreszeit, zu der die Route 27 nach Ansicht von Mary Ann Bosch mit der weit bekannteren Garden Route mithalten kann. "Dann blüht hier nicht nur alles", sagt die 66-Jährige, die gemeinsam mit ihrem Mann René die kleine Pension Kaijaiki Country Inn in Yzerfontein betreibt, "Sie haben auch noch das Meer." Was sie damit meint? Wenn man in Yzerfontein die Autotür öffnet und einem die frische Meeresbrise fast den Atem verschlägt, dann weiß man sofort, was Mary Ann meint. Am endlosen Strand toben Kinder im Sand, Surfer jagen über die hohen Wellen. Möwen kreisen laut kreischend über vorbeifahrenden Fischerbooten, und ein Großvater radelt mit seiner Enkelin die Straße entlang.

Anfangs gab es nur eine Sandpiste

"Als ich vor 22 Jahren herkam, führte hier noch eine Sandpiste hin", erzählt René, der eigentlich aus den Niederlanden stammt. "Damals gab es nicht einmal einen Supermarkt, geschweige denn einen Geldautomaten." Das hat sich geändert: Die Straße ist ausgebaut, neben einem Supermarkt gibt es ein Drogeriegeschäft und Restaurants.

"Es ist ein aufstrebender Ort", erzählt auch Angelique Besson. Sie betreibt seit 17 Jahren ein Bed und Breakfast direkt am Strand. "Und Yzerfontein ist sicher", erzählt sie. In einem Land, in dem die Kriminalitätsrate mancherorts recht hoch ist, sei das ein wichtiges Argument. Nicht nur für Kapstädter sei der Küstenort deshalb ein beliebter Ruhepol, sondern auch für Touristen aus aller Welt.

Nicht weit von Yzerfontein entfernt liegt "!Khwa ttu", ein Kulturprojekt der in der Gegend beheimateten San-Bevölkerung. Auf dem 850 Hektar großen Gelände, das früher mal zu Farmen gehörte, lernen Besucher alles über deren damalige und heutige Lebensweise. Auch der Familie von Angelique Besson gehörte einmal ein Stück des Landes. In den alten Gebäuden einer Farm, die auf einem Hügel am Ende einer langen, roten Sandpiste thronen, sind heute ein Museum, Konferenzräume und eine Pension untergebracht.

Das Ziel des gemeinnützigen Projekts: "Touristen über die Kultur der San aufklären und den Beschäftigten eine Perspektive geben", erzählt Geschäftsführer Michael Daiber. Die meisten der Angestellten sind selber San und kommen aus Südafrika, Botswana und Namibia. "Das, was sie lernen, können sie wieder mit zurück in ihre Dörfer nehmen", erzählt Daiber. "So wächst das Verständnis für beide Seiten."

Kulturprojekt als Herzensaufgabe

Für den Manager ist das Kulturprojekt eine Herzensaufgabe, schließlich hat er "!Khwa ttu" mit aufgebaut. Mit viel Begeisterung führt der großgewachsene, blonde Mann Besucher über das Gelände, zeigt das neue, nachhaltige Ausstellungshaus und die Nachbildung eines ursprünglichen Dorfes, führt durch die Ausstellung mit farbenfroher, lebendiger Kunst.

Seine Energie steckt an. "Der Tourismus schafft nicht nur eine Lebensgrundlage für die San", sagt Daiber, "er schafft auch den Platz, ihre Geschichte zu erzählen." Und so lernen Besucher auf den geführten Touren viel über das ursprüngliche Leben der alten Kultur unbd die Natur. Die San wiederum lernen, einen Betrieb zu führen, Gäste zu bewirten, das Land zu bewirtschaften. "Dieses Wissen eignen sie sich an." Wenn alles gut geht, entsteht daraus ein neues Geschäft. Gelebte Graswurzel-Ökonomie.

Ein paar Kilometer weiter macht Paternoster schon von weitem auf sich aufmerksam: Etwas abseits der Route 27 gelegen heben sich die weiß getünchten Häuser des Fischerörtchens deutlich von der grünen Vegetation und dem blauen Himmel ab. Der Kontrast könnte kaum größer sein. "Die weiße Farbe ist vorgeschrieben", erzählt Simone Jacke, "die Bauauflagen sind zum Glück ziemlich streng."

Dem kleinen Ort tut das gut: Egal ob teures Hotel oder einfaches Fischerhaus – große Unterschiede bemerkt man auf den ersten Blick nicht. "Nichts ist herausgeputzt", sagt Jacke, die gemeinsam mit ihrem Mann Deon Brand das Strandloper Ocean Boutique Hotel führt. Und deshalb ist Paternoster auch angenehm entspannt – niemand muss mit großer, prunkvoller Architektur auf sich aufmerksam machen. "Die Gemeinschaft im Ort ist noch intakt", erklärt die Hoteliersfrau.

Der Tourismus ist auch für Paternoster eine Chance. Denn dieser Ort ist nicht unbedingt reich. Bis vor 16 Jahren war er nur über eine unzugängliche Schotterpiste erreichbar. Inzwischen ist die Straße asphaltiert. Im Ort leben nach wie vor viele Familien vom Fischfang. "Vor 20 Jahren war das noch eine fast unberührte Gegend", sagt Deon Brand.

Mit den vielen Gäste aus dem In- und Ausland wacht Paternoster langsam auf: Der lange Strand und die stetigen Wellen ziehen Surfer an, immer mehr privat geführte "Guest Houses" und Hotels bieten eine Unterkunft und eines der besten Restaurants der Gegend, das Wolfgat, steht in Paternoster.

Für die Jugend des Ortes ist die Entwicklung ein Vorteil, denn sie bekommen eine Perspektive. "Die Kinder wollen heute nicht mehr Fischer werden wie ihre Eltern", hat Marion Lubitz beobachtet. Seit 2005 betreibt die gebürtige Norddeutsche ein Guest House zusammen mit ihrem Mann. "Sie suchen ihre Chance lieber im Tourismus." Die meisten Beschäftigten in den Guest Houses und Hotels kommen deshalb entweder direkt aus dem Ort oder aus den benachbarten Städten.

Ohnehin geht es beim Tourismus an der Westküste Südafrikas nicht nur um den großen Gewinn. "Es geht auch um Nachhaltigkeit, um unsere soziale Verantwortung und darum, dass die Gemeinschaft etwas davon hat", sagt Deon Brand, der in Paternoster aufgewachsen ist. Aus diesem Grund unterstützt er aktiv die Kinderhilfsorganisation "West Coast Kids". Die lokale Gruppe will Kindern helfen, Wege aus der Armut zu finden.

Der kleine Laden "Die Winkel op Paternoster" verkauft fast nur regionale Waren und Spezialitäten. Und der Koch des Wolfgat, Kobus van der Merwe, kreiert seine Gerichte aus dem, was ihm die Region bietet: Die Zutaten wachsen vor der Haustür und am Strand und werden täglich gesammelt und gepflückt.

Von der afrikanischen Wildnis fühlt man sich entlang der Route 27 manchmal weit entfernt. Die sogenannten Big Five, also Löwen, Elefanten, Leoparden, Nashörner und Büffel, die man mit Südafrika gerne in Verbindung bringt, sucht man vergebens. Allerdings sind im 30 000 Hektar großen West Coast National Park, der sich von Yzerfontein bis nach Langebaan zieht, 250 Vogelarten heimisch: Austernfischer, Kormorane, verschiedene Möwenarten und Küstenscharben genauso wie putzige Pinguine.

Von der Terrasse des Gelbeek Restaurants hat man den besten Ausblick auf eine kleine Kolonie Flamingos. Und wer nicht aufpasst, muss auf seiner Wanderung einem Strauß ausweichen, der plötzlich über die rote Sandpiste rennt. Wem das nicht reicht, der kann im West Coast Fossil Park bei Langebaan mehr über die Tiere lernen, die vor circa fünf Millionen Jahren in der Region gelebt haben. Bei Minenarbeiten im 20. Jahrhundert wurden fossile Ablagerungen aus der Zeit des Miozän und frühen Pliozän entdeckt. Seit der Schließung der Mine 1998 befindet sich dort ein Museum.

Eine gute halbe Stunde von Paternoster entfernt liegt Velddrif. Hier endet die Route 27. War die Stadt früher bekannt für die professionelle Fischerei, ist sie heute Ziel für Hobby-Ornithologen und Angler. Sie versuchen ihr Glück und lassen sich manchmal von Leuten wie Tollie Bezuidenhout über den Fluss schippern. Der Skipper fährt mit seinem Boot seit zwölf Jahren Gäste das breite, gemächliche Gewässer entlang, damit diese die Kormorane beobachten können, die auf Nahrungssuche im Tiefflug über das Wasser rasen.

"Es ist nicht immer ein leichter Job", sagt der 60-Jährige mit einem Grinsen im Gesicht, "schließlich muss man mit vielen unterschiedlichen Typen zurechtkommen." Doch offenbar hat er in all den Jahren genug Erfahrung gesammelt: An Bord sind alle Passagiere entspannt, manche ausgelassen. Tollie spielt mit den Kindern, als wären es seine Enkel. Friedlicher und entspannter könnte die Reise über die Route 27 kaum zu Ende gehen.
Route 27/Südafrika

Anreise: Kapstadt wird unter anderem aus Zürich nonstop mit Edelweiß angeflogen. Der Direktflug dauert knapp zwölf Stunden. Weit mehr Flugverbindungen gibt es von Frankfurt am Main, allerdings meistens über Johannesburg, zum Beispiel mit South African Airways oder Lufthansa.
Klima und Reisezeit: Südafrika bietet das ganze Jahr über gute Reisebedingungen. Das Land liegt auf der südlichen Halbkugel, die dortigen Jahreszeiten sind denen in Deutschland entgegengesetzt. Dezember und Januar sind die beiden heißesten Monate. Im Winter, von Juni bis August, ist in der Kapregion mit Regen zu rechnen.
Einreise: Deutsche Touristen erhalten eine Aufenthaltsgenehmigung für 90 Tage. Der Reisepass muss noch mindestens 30 Tage über die Ausreise aus Südafrika hinaus gültig sein.
Währung: Ein Euro sind rund 16,50 Südafrikanische Rand (Stand: Mitte November).
Gesundheit: Für Südafrika werden keine besonderen Impfungen benötigt. Malaria-Prophylaxe teilweise empfohlen
Informationen: South African Tourism, Tel. 0800/1189118, www.southafrica.net
CO2-Kompensation: Hin- und Rückflug etwa 144 Euro