Meditationen über das Leben

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Do, 15. Oktober 2020

Kunst

Mayumi Okabayashi in der Freiburger Galerie Claeys.

Es ist schwer zu sagen woher dieses unwirklich flirrende Licht kommt. Fest steht: Die Bilder von Mayumi Okabayashi leuchten auf seltsam intensive Weise wie frische Korallenpilzkolonien nach Herbstregen oder markant farbig wuchernde Flechten, die von der eigenen Schönheit nichts wissen. "Traces of Existence" nennt die japanische Künstlerin ihre Ausstellung, die in Ulrike Claeys Freiburger Galerie zu sehen ist, Spuren der Existenz. Tatsächlich sind die Assoziationen sofort da. An organische Strukturen, Gewebe, Rhizome und Myzellen, an die strauchförmigen Ausblühungen von Flugrost oder das buschige Aufblühen von Eisblumen auf dünnem Fensterglas im Winter.

Mit Tusche und Acrylfarbe lässt die Künstlerin den Pinsel in winzigen Bewegungen über den Grund mäandern und seine Spur finden, die mal ausfranst in feinsten Verzweigungen und Verästelungen, sich überschneidet und verdichtet, ruhelos und doch extrem reduziert und gebändigt. Okabayashi studierte in Düsseldorf bei Alfonso Hüppi und sagt, Malen sei für sie wie Atmen, ein unwillkürlicher Akt, selbstverständlich und existenziell zugleich. Diese Poesie scheint auch in ihren Bildern auf. Der Malprozess ist meditativ, das Formenvokabular abstrakt, und doch wiederholen sich Strukturen in den entlegensten außerkünstlerischen Kontexten – nächtlich beleuchtete Städte von oben, Wolkengebilde, infografische Karten über Verkehrsströme oder Energieverbrauch, Zellkulturen in Petrischalen oder ein hyperverästeltes Modell der Lunge als lebenswichtiges Organ.

Für zwei weitere Werkgruppen hat Okabayashi gefundene Steine mit Linienmustern bemalt, die mal an Sonnenreflexe in flachem Wasser erinnern, mal aussehen wie Oxidationsspuren, auf das geologische Material geweht aus einer fernen Vergangenheit.

Galerie Claeys, Kirchstr. 37, Freiburg. Bis 7. Nov., Do-Fr 15-18 Uhr, Sa 11-13 Uhr. 23. bis 31. Okt. geschlossen.