Mehr Kampf als Klasse

dpa

Von dpa

Do, 10. September 2020

Tennis

Tennisspieler Alexander Zverev trifft am Freitag im Halbfinale der US Open auf Pablo Carreño-Busta.

Als der beste deutsche Tennisprofi Alexander Zverev am Dienstagabend im Viertelfinale gegen den Kroaten Borna Coric Satz eins nach einem desolaten Auftritt 1:6 verlor, als er sich bei der Stuhlschiedsrichterin über eine Fehlentscheidung beschwerte, als Coric zum gefühlt 27. Mal den Platz verließ, um seine Klamotten zu wechseln – da hätte ein Zornausbruch Zverevs, wie vor einem Jahr an gleichem Ort, niemanden überrascht.

Zverev aber blieb so ruhig, als hätte er sich für diese so ungewohnten Corona-US-Open 2020 ein Schweigegelübde auferlegt. Sein Schläger blieb heil, und Zuschauer waren ja keine da, mit denen er sich hätte anlegen können. "Das war sehr trocken, sehr erwachsen. Es gab genügend Grund, heute mal einen Schläger zu zerhacken oder mal rumzuschreien oder mal die Schultern hängen zu lassen. Aber genau das hat er nicht gemacht", analysierte der dreimalige Wimbledonsieger Boris Becker in seiner Rolle als Experte des TV-Senders Eurosport.

Genau das ist auch einer der Gründe dafür, dass es Zverev nun als erster deutscher Tennisspieler seit eben jenem Boris Becker vor einem Vierteljahrhundert in die Riege der besten Vier in New York geschafft hat. Mit ein bisschen Krampf und sehr viel mehr Kampf als Klasse rang der 23-Jährige am Dienstag den an Nummer 27 gesetzten Coric in 3:25 Stunden mit 1:6, 7:6 (7:5), 7:6 (7:1), 6:3 nieder.

Wie schon bei den Australian Open zu Beginn des Jahres steht Zverev nun also erneut im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers – und ist dort am Freitag gegen den Spanier Pablo Carreño-Busta der klare Favorit. "Ich bin im Halbfinale, aber ich denke, ich kann immer noch ein paar Sachen verbessern, und das gibt mir Selbstvertrauen. Ich will hier definitiv nicht aufhören", sagte der Weltranglisten-Siebte.

Sollte er auch gegen den 29-Jährigen aus Gijon nicht aufhören, wäre Zverev der erste deutsche US-Open-Finalist seit Michael Stich 1994. Ein Jahr später hatte es Becker in das Halbfinale geschafft, bisher letzter deutscher Champion in New York war Becker 1989. Dass in diesem Jahr nach der Disqualifikation des Weltranglisten-Ersten und Topfavoriten Novak Djokovic und des Gar-nicht-erst-Antretens von Roger Federer und Rafael Nadal die Aussicht für Zverev auf seinen Premieren-Titel bei einem Grand Slam so gewaltig ist wie nie zuvor, bedeutet natürlich Chance und Druck gleichermaßen.

"Wir werden einen neuen Grand-Slam-Champion haben. Das ist das einzige, was wir sicher wissen", sagte Zverev, als er mit Mund-Nase-Schutz in die Pressekonferenz-Kameras sprach. Vor sieben Monaten hatte er in Melbourne erstmals das Halbfinale eines Grand Slams erreicht – und gegen den Österreicher Dominic Thiem in einem hochklassigen Match verloren.

Weitere Resultate, Männer, Viertelfinale: Carreno-Busta (Spanien/20) - Shapovalov (Kanada/12) 3:6, 7:6 (7:5), 7:6 (7:4), 0:6, 6:3. Frauen, Viertelfinale: Osaka (Japan/4) - Rogers (USA) 6:3, 6:4. S. Williams (USA) – Pironkova (Bulg.) 4:6, 6:3, 6:2. Doppel, Halbfinale: Yifan/Melichar (China/USA) – Muhammad/Townsend (bd. USA) 4:6, 6:3, 7:6 (9:7). Im Finale damit: Yifan/Melichar – Siegemund/Swonarewa (Metzingen/Russland).