"Meine Ansprüche sind gestiegen"

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Mo, 22. Februar 2021

Ski Alpin

Skicrosser Tobias Baur lässt beim Weltcup auf der Reiteralm den Vizeweltmeister hinter sich.

. Fußball ist berechenbar. Das behaupten zumindest wissende Fans. Ist Skicross berechenbar, dieses wilde Auf und Ab mit Banks und Rollern, Negativkurven, dem Kampf gegen die Schwerkraft und jeweils drei Gegner, von denen es in den sogenannten Heats mindestens zwei hinter sich zu lassen gilt, um bei der wilden Hatz bergab die nächste Runde zu erreichen? Tobias Baur grinst. "Klar kann man das berechnen, wenn man’s glaubt."

Der 23-jährige Bernauer glaubt durchaus an sich, auch wenn er vor drei Wochen beim heiß ersehnten Heim-Weltcup auf dem Feldberg zum Nichtstun verurteilt war, weil Sturm, Regen und Nebel die Hoffnung auf wenigstens einen Lauf auf dem höchsten Schwarzwald-Gipfel zunichte machte. Statt sein Können zeigen zu dürfen und sich im Team seiner eidgenössischen Skicross-Kollgen als Mann für die Zukunft zu empfehlen, verpasste der Schwarzwälder, der seit April 2020 zur Schweizer Nationalmannschaft gehört, den Sprung zur Weltmeisterschaft im schwedischen Idre Fjäll. "Das hat mich gewurmt, klar", gibt Baur zu, "ich wär’ da so gern dabei gewesen". Aus dem ersten kleinen Frust schöpfte er neue Energie, fand daheim in Bernau zu sich ("ich hab’ den Kopf freibekommen") und zur Ruhe, trainierte konzentriert und präsentierte sich jetzt bei der Rückkehr in den Weltcup in prächtiger Verfassung.

Die Einzel-Qualifikation auf der österreichischen Reiteralm war für Baur nur Formsache, "der Speed und das Gefühl dafür war wieder da". In den Vierer-Heats bewies der Schwarzwald-Schweizer dann sein Können und raste in der Gesamtwertung auf Rang zwölf. Vor einem Jahr war Baur in seinem ersten Weltcupjahr im Team des Deutschen Skiverbands noch ein Lernender, ein "Rookie", ein Grünschnabel. Jetzt fährt er frech vorne mit. Rang zwölf auf der Reiteralm ist ein Versprechen für die Zukunft. Im siebten von acht Achtelfinalläufen traf Baur auf einen Skicrosser, der bei der WM vor einer Woche für Furore gesorgt hatte: Der Franzose Francois Place, Vizeweltmeister von Idre Fjäll, stand direkt neben Baur, der die vermeintlich schlechteste Position hatte, im Startgate. Ein Nachteil, den der Bernauer mit aggressivem Schub und radikaler Linie wettmachte – fokussiert, rasant, kontrolliert ruppig. "Auf der Strecke hab’ ich den Franzosen geschnappt", blickt Baur auf das Duell mit dem Vizeweltmeister zurück "und dann hab’ ich noch den Tim gepackt": Tim Hronek, Baurs Ex-Teamkollege aus dem deutschen Nationalteam. Hinter dem Franzosen Youri Duplessis schoss Baur als Zweiter ins Ziel.

Im Viertelfinale und hatte der Bernauer Pech. DSV-Starter Daniel Bohnacker kassierte der Schwarzwälder schon kurz nach dem Start, doch Baurs Schweizer Teamkollege Jonas Lenherr, am Ende Gesamtfünfter, war außer Reichweite. Blieb, wie im Achtelfinale, der Franzose Duplessis. Es wurde eine Wimpernschlagentscheidung. "Zehn Meter weiter und ich wäre vorbei gewesen", erinnert sich Baur an das Fotofinish und den verpassten Sprung ins Halbfinale. Rang zwölf sei natürlich ein Erfolg, "aber völlig zufrieden bin ich nicht", sagt Baur, "weil meine Ansprüche gestiegen sind". Die nächste Weltcup-Chance hat der Schwarzwald-Schweizer am kommenden Wochenende beim Skicross-Weltcup im georgischen Bakuriani, am Montagmorgen fliegt Baur über Istanbul nach Tiflis.