UNTERM STRICH: Der Mann, der am Boden liegt

Karl-Heinz Fesenmeier

Von Karl-Heinz Fesenmeier

Do, 13. Februar 2020

Kolumnen (Sonstige)

Wie Ben Wilson Menschen in London mit Kaugummis erfreut / Von Karl-Heinz Fesenmeier.

Wenn in London ein Mann auf einem Gehweg, einem Platz oder sogar auf einer Straße liegt, könnte es Ben Wilson sein. Der 57-jährige Brite hatte vor gut 20 Jahren eine wunderbare Idee, hat diese im Lauf der Jahre perfektioniert und lebt sie mit Leidenschaft und Akribie bis zum heutigen Tag. Wenn er da also knieend oder liegend am Boden zugange ist, wissen in der britischen Hauptstadt viele, die ihn entdecken, dass da gerade Besonderes am Entstehen ist. Denn Ben Wilson verwandelt von Passanten achtlos ausgespuckte und auf dem Pflaster festgetretene Kaugummis zu Kunstwerken.

Mehr als 10 000 solcher kleiner Kunstwerke soll Ben Wilson in London geschaffen haben. Derzeit, berichtet die Nachrichtenagentur AFP, bearbeitet er die hässlichen Flecken rund um die Saint Paul’s Cathedral und die angrenzende Fußgängerbrücke über die Themse. Bis zu zehn Stunden kann er für ein Bild benötigen. Denn bevor er künstlerisch loslegen kann, erhitzt er mit einer kleinen Lötlampe die Kaugummimasse, glättet und formt sie und bringt weißen Lack auf. Mit Hilfe spezieller Acrylfarben zaubert er dann winzige Menschen, Tiere, Ornamente oder Landschaften auf den Kaugummi. Am Ende kommt dann etwas Klarlack drauf, damit dem Kunstwerk ein möglichst langes Leben beschieden ist. Wie andere Künstler erledigt Wilson auch Auftragsarbeiten wie zum Beispiel eine Liebesbotschaft auf einem Kaugummi vor dem Haus einer Angebeteten. Einmal wünschte eine Frau sogar eine Art Stolper-Kaugummi vor dem Wohnhaus ihrer verstorbenen Eltern.

Aber eigentlich hat Ben Wilson auch eine Botschaft. Er will, wie er in Interviews erklärte, die Menschen dafür sensibilisieren, was sie durch unüberlegte Handlungen der Umwelt antun. Ach, gäbe es auch solche Kunstwerke aus all dem anderen Müll, den Menschen verursachen. Man stelle sich nur einmal vor, aus dem ganzen Sprachschrott, der täglich, vor allem im Internet, ausgekübelt wird, entstünden lauter kleine Gedichte...