UNTERM STRICH: Tödliches Tête-à-Tête

Michael Saurer

Von Michael Saurer

Do, 08. April 2021

Unterm Strich

Nachruf auf einen, der in seinem Job immer alles gegeben hat / Von Michael Saurer.

Es gibt Jobs, bei denen man sich zu Tode schuftet. Was hierzulande aber meist nur metaphorisch gemeint ist, hat in Ostasien einen ernsteren Hintergrund. In Japan etwa gibt es sogar ein Wort für den Tod durch Überarbeitung. Wenn eine Witwe nachweisen kann, dass ihr Mann an einem "Karoshi" gestorben ist, muss der Arbeitgeber des Verstorbenen ganz schön tief in die Tasche greifen.

Nun kam es auch in Deutschland zu einem Todesfall, den wohl auch die rigidesten japanischen Richter ohne zu zögern als Karoshi anerkannt hätten. Denn am Ostermontag ist Adlerflug gestorben. Hinter dem hübschen Namen steckt kein in Deutschland lebender Anführer der Apachen, sondern der König der Deckhengste. Das Englische Vollblut hat zwar auf den Rennbahnen dieser Welt unzählige Preise eingaloppiert, seine wahre Größe zeigte sich aber erst nach der Karriere.

Denn offenbar konnte Adlerflug eine Sache noch viel besser, als um die Kurven zu hetzen: Stuten beglücken und Nachkommen in die Welt setzen. 16 000 Euro kostete es den Besitzer, wenn dessen Stute sich mit dem brünetten Schönling vergnügen durfte. Wie viele Nachkommen er in die Welt gesetzt hat, lässt sich kaum beziffern – aber darunter sind etliche Champions. Und auch für 2021 sei Adlerflug bereits ausgebucht gewesen sein, heißt es in den Nachrufen.

Nun ist der König der Deckhengste gestorben, kurz nach einem Arbeitseinsatz. Ob der nun besonders aufregend und kräftezehrend war, lässt sich nicht nachvollziehen. Tatsache aber ist, dass Adlerflug keine 60 Minuten nach seinem letzten Tête-à-Tête mit einer Stute verstorben ist. An einem Herzinfarkt. Mit nur 17 Jahren, also noch mitten im Leben stehend.

Spötter mögen das dennoch für einen schönen Tod halten. Denen sei gesagt: Wenn die angenehmen Dinge des Lebens plötzlich zum Alltag werden, stellt sich auch dort bisweilen Stress ein. Anders ausgedrückt: Egal wie aufregend der Job auch sein mag – mitunter tut etwas Muße doch ganz gut.