UNTERM STRICH: Zum Entzug ins Opernhaus

René Zipperlen

Von René Zipperlen

Mi, 08. Januar 2020

Kolumnen (Sonstige)

Wer Kultur nutzt, lebt länger – kommt jetzt die Theaterpflicht? / Von René Zipperlen.

Die Heilkraft des Theaterschlafs ist seit Aristoteles vor allem unter Kritikern geschätzt. Doch nun meldet auch das British Medical Journal, dass Kulturfreunde länger sowie körperlich und geistig besser leben: Schon ein bis zwei Veranstaltungen im Jahr senken als lebensverlängernde Maßnahme das Sterberisiko um 14 Prozent. Wer noch eifriger ist, kann sogar 31 Prozent beim Totentanz rausschlagen.

Herausgefunden haben das in einer Langzeitstudie unter 6710 Briten (Ü 50) Daisy Fancourt und Andrew Steptoe vom University College, London. Eine Einrichtung, die so seriös ist wie die Ergebnisse einleuchtend. Theater, Museum oder Orgelkonzert wirken ja schon, weil man dort vieles nicht kann: rauchen, trinken, fett essen, daddeln, Auto fahren. Und manch Neujahrsvorsatz hat kaum eine längere Halbwertszeit als dreieinhalb Stunden Entzug durch eine Opernpremiere.

Wenn sich das rumspricht, sind Folgen für die umstrittenen Kulturzuschüsse unausweichlich. Die Krankenkassen werden übernehmen: Statt Physiotherapie gibt es fünf Einheiten Rachmaninow auf Rezept. Die Seele hat sich festgefahren? Dreimal Mozarts Violinkonzerte (Oistrach). Das Knie klemmt? Vier Abende Swing, und leicht mitwippen, bitte.

Natürlich bleiben Fragen: Gilt nur klassische Hochkultur, oder hilft auch ein Pogo im Moshpit, die Nachbarn zu überdauern? Auch methodisch gibt es Zweifel: Fancourt/Steptoe schreiben, Kultur liefere "Stressabbau durch emotionale Stabilisierung" zu. Es soll aber auch vorkommen, dass Theaterfreunde wirr ins Freie stürzen, aufgebracht, enttäuscht, wütend. Mit Blick auf ein langes Leben also lieber Erwartungen runterschrauben, Wohlfühlkultur statt Regietheater?

Papperlapapp, Kultur, die nicht auch mal kardiologisch grenzwertig bewegt, ist wie Liebe mit angezogener Handbremse. Und wenn dafür drei Wochen früher Zapfenstreich ist? Dann lassen wir den Aufzug links liegen: Jede Treppenstufe bringt drei Sekunden Lebenszeit. Doch. Stand so in der Zeitung.