Solidarität

Wie soll sich im selektiven Schulsystem gesellschaftliche Solidarität entwickeln?

Helmut Gattermann

Von Helmut Gattermann (Merzhausen)

Mo, 02. Dezember 2019

Leserbriefe

Zu: "Eine gewisse Entfremdung", Leitartikel von Wulf Rüskamp (Politik, 13. November)

In seinem lesenswerten Leitartikel geht Wulf Rüskamp unter anderem mehrfach auf den Begriff der Solidarität ein. Tatsächlich wird die Solidarität in vielen Medien als Grundlage für eine funktionierende Demokratie benannt. Bei der Frage, wie gesellschaftliche Solidarität entsteht, gibt es wenig konkrete Hinweise. Sehr häufig bleibt es bei einem Appell: Solidarität wird eingefordert und propagiert.

Wenn sie, wie Wulf Rüskamp feststellt, "das Gemeinsamkeit stiftende Element" sein soll, dann müssen Bürgerinnen und Bürger aller gesellschaftlichen Milieus diese Gemeinsamkeit auch erleben können. Die grundlegende Sozialisationserfahrung, die alle Menschen durchlaufen, ist die Schule. Können Kinder in der Schulzeit Gemeinsamkeit erfahren? Sie können das in der Grundschulzeit, in der Kinder aller gesellschaftlichen Schichten gemeinsam einen Teil der Schulzeit verbringen. Dies übrigens auch nur dann, wenn das Einzugsgebiet einer Grundschule unsere gesellschaftliche Realität einigermaßen widerspiegelt.

Welchen Stellenwert aber die Grundschule in unserem Gemeinwesen hat, zeigt sich unter anderem darin, dass Grundschullehrer beziehungsweise -lehrerinnen in Baden-Württemberg wesentlich schlechter bezahlt werden als ihre Kolleginnen und Kollegen aus weiterführenden Schulen. Leider verblasst selbst die Grundschulzeit zunehmend durch den Einfluss der weiterführenden Schulen. Im Alter von zehn Jahren werden die Kinder bereits sortiert: als Haupt- oder Werkrealschüler, als Realschüler, als Gymnasiasten. Wie soll sich da eine gesellschaftliche Solidarität entwickeln? Zumal in den Schulen durch eine Notengebung eine weitere Form der Sortierung erfolgt. Ein erfolgreicher Schulversuch "Lernen ohne Noten" wurde vom Kultusministerium beendet. Die Anzahl der Schulen ohne Notengebung steigt zwar: So ist es für Gemeinschaftsschulen beziehungsweise Gesamtschulen ein zentrales Anliegen, Kindern aller Begabungsrichtungen eine gemeinsame Schulzeit zu ermöglichen. Doch ist ihre Anzahl nach wie vor überschaubar. Fazit: Wenn eine Gesellschaft Solidarität bei ihren Bürgerinnen und Bürgern entwickeln will, so muss sie auch das Bildungssystem danach gestalten. Helmut Gattermann, Merzhausen