Mit "Stille Nacht" fing alles an

Christof Bock

Von Christof Bock (dpa)

Mo, 21. Dezember 2020

Computer & Medien

100 Jahre Radio: Mehr als 50 Millionen Menschen in Deutschland hören es an einem normalen Werktag – jetzt hat das Massenmedium runden Geburtstag.

Mit einer Ansprache und dem Lied "Stille Nacht" begann vor 100 Jahren die Geschichte des Radios in Deutschland: Am 22. Dezember 1920 hatten sich Postbeamte auf dem Funkerberg in Königs Wusterhausen südöstlich von Berlin zu einem Weihnachtskonzert versammelt – die Live-Übertragung ihrer Musik gilt als erste deutsche Rundfunksendung.

"Man kann es gar nicht so genau sagen, wie viele Menschen die Sendung damals gehört haben. Denn es gab noch keinen offiziellen Rundfunk in Deutschland, der wurde erst 1923 eingerichtet", sagt Florian Schütz. Er ist einer der beiden Kuratoren der Ausstellung "On Air. 100 Jahre Radio" im Museum für Kommunikation Berlin. Die Schau ist übers Netz zugänglich. "Das Hören dieses ausgestrahlten Programms war auf deutschem Gebiet ‚Schwarzhören‘." Niemand habe 1920 Interesse gehabt, sich als Hörer zu outen. Wenige Jahre später ist das Radio auf dem Weg zum Massenmedium. Anfang 1924 sind 1580 Rundfunkteilnehmer angemeldet, am Jahresende fast 550 000, ein Jahr später ist die Millionengrenze überschritten. "Radio ist in erster Linie einfach mal ein Unterhaltungsmedium", sagte Hans-Ulrich Wagner, Leiter des Instituts für Mediengeschichte am Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg, über die Anfänge bilanzierend. "Natürlich beginnen sofort Überlegungen: Was kann das auch noch sein?", so Wagner. Der Radiopionier Hans Bredow (1879–1959), dem die Erfindung des Wortes "Rundfunk" zugeschrieben wird, habe "in den 20er Jahren die Vorstellung von einer Art Volkshochschule" im Sinn gehabt – der Rundfunk als Instrument, um jedem Kultur und demokratische Ideen nahezubringen.

Die Nazis haben andere Vorstellungen und rücken ab 1933 die taktische Bedeutung in den Vordergrund. Wie andere Erfindungen hatte die Radiotechnik erst mit dem Ersten Weltkrieg einen Sprung nach vorne gemacht. Das drahtlose Funken sei schon bei den Soldaten des deutschen Kaisers eine eigene wichtige Waffengattung gewesen. Experte Schütz: "Aus dem Ersten Weltkrieg als großer Beschleuniger von technischer Innovation ging letztlich auch das Radio oder der Rundfunk in seiner Form hervor. Das ist natürlich auch schon einmal ein Zeichen dafür, dass Radio politisch ist und politisch aufgeladen war und es immer irgendwie blieb." Nichts verdeutlicht das mit solcher Brutalität wie die Urteile des Nazi-Regimes gegen Menschen, die ausländische Sender gehört hatten. Schütz: "Das Hören sogenannter Feindsender stand von Beginn an unter Strafe. Wenn man sich einen Volksempfänger kaufte, war auch ein entsprechender Warnhinweis dabei."

Mit der Einrichtung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ziehen nach 1945 die Gesetzgeber die Konsequenzen aus der dunklen NS-Zeit. Seit den 1980er Jahren kommen Privatradios dazu. Alles in allem schalten heute mehr als 53 Millionen Menschen ab 14 Jahren werktags die rund 70 öffentlich-rechtlichen Wellen und rund 280 Privaten ein. Allein 2020 wurden laut Branchenverband gfu 3,6 Millionen Empfänger verkauft. In 94 Prozent aller Haushalte steht mindestens ein Radio. "Das Radio ist höchst lebendig", sagt Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue zum Jubiläum.