Gentechnik-Protest

Wie Menschen in der Region die Bugginger Ackerbesetzung erlebten

Sophia Hesser

Von Sophia Hesser

Mo, 01. Juni 2020 um 07:46 Uhr

Buggingen

Zelte auf dem Acker, Lagerfeuer und Freundschaften, aber auch fliegende Steine und verpasste Chancen: Die Aktion gegen Gentechnik wurde ganz unterschiedlich erlebt.

Um zu verhindern, dass auf einem Acker bei Buggingen gentechnisch veränderter Mais ausgesät wird, wurde am 1. Juni 1995 ein Gencamp bei dem Versuchsfeld zwischen Buggingen und Zienken errichtet. Nach drei Jahren gab die Firma Van der Have auf. Beteiligte von damals erinnern sich an die Bugginger Ackerbesetzung.

Bio statt Gentechnik
"Wir hatten gerade frisch auf Bio umgestellt", erzählt Landwirt Friedrich Ruesch aus Buggingen. Das Versuchsfeld lag nicht weit von seinen Flächen. Mit Gentechnik sei das nicht vereinbar gewesen. Deshalb ist auch er hin und wieder zu den Besetzern rausgefahren. Etwa fünf Personen seien jedoch rund um die Uhr beim Camp gewesen – schließlich wollte man bereit sein, jederzeit eine Aussaat zu verhindern. Doch es sei eine schwierige Zeit gewesen, sagt Ruesch. Es habe Anfeindungen gegeben, er sei verbal angegangen worden. Schließlich hätten einige Landwirte auch mit der Firma zusammen gearbeitet, die den Mais aussäen wollte. "Leute, die warnen, sind erstmal die Spinner." Er ist überzeugt, dass heute viele von der Aktion damals profitieren, "aber danach sagt niemand: Gut, dass ihr euch gewehrt habt".

Verpasste Chancen
"Was die sich geleistet und erreicht haben, ist fatal", sagt der Grißheimer Peter Kaufmann. Er sei ein Landwirt der "anderen Seite". Die Gentechnik habe Vorteile, die man aber in Deutschland und Europa nicht so nutzen könne wie andernorts auf der Welt. Er sah den Widerstand in Buggingen schon damals kritisch. "Die Leute hatten mit Landwirtschaft wenig zu tun, deren Einkommen hing nicht davon ab." Besonders geärgert hat ihn ein Vorkommnis: Im zweiten Jahr der Besetzung wurde der Mais so früh ausgesät, dass die Besetzer es nicht verhindern konnten, weil sie nicht damit rechneten. Die gewachsenen Pflanzen wurden später zerstört. "Wenn einer schlauer war, muss man das akzeptieren." Doch niemand habe sich für die Aktion verantwortlich gezeigt.

Menschenkette gegen Traktor
"Ich würde es wieder so machen", sagt die Bugginger Gemeinderätin Gabriele Schwenk-Grozinger. Sie hat damals schon in Buggingen gelebt und sich gegen die Aussaat eingesetzt. Auch wenn sie nur gelegentlich zum Acker fuhr, wenn es ihr Zeitplan erlaubte, ist sie überzeugt, dass sich der Einsatz für die Region gelohnt hat. Schließlich lehnten die meisten Landwirte heute noch die Gentechnik ab. Der beeindruckendste Tag war für sie der, als die Gegner eine Menschenkette auf dem Feld bildeten und ein Traktor auf sie zufuhr. Sie glaubt sich zu erinnern, dass das der Moment war, in dem dann auch ein Stein flog und die Scheibe des Traktors zerstörte. "Das war eine grässliche Situation."

Schrillende Alarmglocken
"Das sind Sachen, die wollen wir nicht und sehen wir kritisch." Als Dora Pfeifer-Suger von den Plänen der Firma Van der Have hörte, Genmais bei Buggingen auszusäen, schrillten bei ihr die Alarmglocken, wie sie sagt. Sie habe häufiger im Auto beim Acker übernachtet. Für viele sei diese Besetzung ein großes Abenteuer gewesen und sicherlich sei es abends am Lagerfeuer auch romantisch gewesen, doch ihr selbst seien die Inhalte wichtiger gewesen, erklärt die heutige Müllheimer Gemeinderätin. Und es sei auch ein "wahnsinniger Kraftakt" gewesen. "Wir sind zeitweise im Schlamm gestanden, dann hat wieder die Sonne gebrannt." Und es sei auch emotional zu Sache gegangen: "Manche Landwirte sahen ihre große Zukunft in der Gentechnik." Ein Landwirt habe sogar gedroht, die Zelte umzufahren. Pfeifer-Suger will dennoch die Erfahrung nicht missen und sagt: "Der Widerstand gegen Gentechnik lebt heute noch."

Vermittler zwischen den Fronten
Hermann Ritter war vor 25 Jahren selbst Landwirt und Vorsitzender des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV) Müllheim. Sein Acker war etwa 800 Meter von dem Zuchtbetrieb von Van der Have entfernt. Seine Meinung: "Die Gentechnik brauchen wir nicht, um unsere Erträge hoch zu fahren." Er habe sich in der Vermittlerrolle zwischen Fürsprechern der Gentechnik unter den Landwirten und den Gegnern bei der Bugginger Ackerbesetzung gesehen. Ritter war eine präsente Figur in Buggingen, deshalb ist auch sein Name in den Erzählungen aller Beteiligten von damals sehr präsent. Ein großer Erfolg für Ritter: Man habe damals erreicht, dass der BLHV seinen Mitgliedern die Empfehlung aussprach, auf Gentechnik zu verzichten.

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