Mordprozess nach 31 Jahren

Jörn Perske

Von Jörn Perske (dpa)

Mo, 21. Oktober 2019

Panorama

Mutmaßliche Sekten-Chefin soll Vierjährigen getötet haben.

HANAU. Mehr als 30 Jahre nach dem Tod eines kleinen Jungen in einer Sekte in Hanau wird der rätselhafte Fall ab Dienstag in einem Prozess aufgearbeitet. Wegen Mordes angeklagt ist eine nun 72-jährige Frau, die als Anführerin der Gruppe gilt. Sie soll den Vierjährigen, der damals in ihrer Obhut gestanden haben soll, am 17. August 1988 in einem über dem Kopf zusammengebundenen Leinensack eingeschnürt und im Badezimmer ihres Wohnhauses abgelegt haben.

Die Angeklagte soll den Jungen als "von den Dunklen besessen" angesehen und deshalb beschlossen haben, ihn zu töten, teilte das Landgericht Hanau mit. Der Junge sei demnach panisch geworden und habe um Hilfe geschrien. Doch die Angeklagte habe ihn seinem Schicksal überlassen. Sie soll zudem an dem Sommertag mit Temperaturen von mehr als 30 Grad die Luftzufuhr des Raumes verringert haben. Kurze Zeit später starb der Junge nach einem "erbitterten Todeskampf", so das Gericht. Die Staatsanwaltschaft sieht das Mordmerkmal der Grausamkeit erfüllt. Zudem habe die Frau aus niedrigen Beweggründen gehandelt.

Neu aufgerollt wurde der Fall im Frühjahr 2015 durch neue Aussagen von ehemaligen Mitgliedern der Sekte. Um Informationen zur Todesursache zu bekommen, wurde die Leiche im Juli 2017 auf dem Friedhof im Stadtteil Kesselstadt exhumiert. Zum Ergebnis der Untersuchungen machte die Staatsanwaltschaft keine Angaben. Eine Obduktion wurde nach dem Tod des Jungen 1988 nicht vorgenommen. Die Ermittler gingen davon aus, dass der Junge an Erbrochenem erstickt war, ohne Fremdeinwirkung. Wie der Junge tatsächlich ums Leben kam, soll nun die Beweisaufnahme klären, sagte ein Gerichtssprecher. Die wahrscheinlichste Todesursache sei Ersticken. Der Verteidiger der Angeklagten wies den Mordvorwurf zurück.

Nach Recherchen der Frankfurter Rundschau hatte die Frau mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann die Sekte gegründet. Der als Pastor tätige Mann sollte wegen radikaler Ansichten aus dem Kirchendienst entlassen werden. Er kam diesem Schritt aber zuvor und schied auf eigenen Wunsch aus.

Die Gruppe sei laut der Zeitung von psychischer und physischer Gewalt geprägt gewesen. Ihre Mitglieder hätten sich dem Willen der Anführerin untergeordnet. Die Krankenschwester habe angegeben, Botschaften von Gott zu empfangen, die die Gruppe zu befolgen hatte. Nach früheren Angaben der Staatsanwaltschaft habe sich die Sekte unter anderem mit "Traumdeutungen" beschäftigt.

Neben dem gestorbenen Vierjährigen lebten die leiblichen Kinder der Frau sowie Adoptiv- und Pflegekinder in der Gemeinschaft, berichtet die Frankfurter Rundschau. Der Vierjährige soll extrem unterernährt gewesen und misshandelt worden sein.