Musik, die das Leben feiert

Martina David-Wenk

Von Martina David-Wenk

Mo, 11. November 2019

Lörrach

Die Klezmerband "Die Haiducken" spielt zum Ende der Mahnwache und erinnert an die Zerstörung der alten Synagoge.

LÖRRACH. Im Davidsaal der Lörracher Synagoge fand die Mahnwache zum Gedenken an die Zerstörung der alten Synagoge ihren musikalischen Abschluss. Das jüdische Gotteshaus war am Morgen nach der Reichspogromnacht, dem 10. November 1938, von Mitgliedern der Lörracher Hitlerjugend zerstört worden.

Rabbiner Moshe Flomenmann freute sich über die große Anzahl an Menschen, die sich gegen Antisemitismus zusammengefunden hatte. Doch bei Mahnwachen dürfe es nicht bleiben, sagte er, und forderte mehr Zivilcourage, wann immer eine unmenschliche Situation auftrete.

Das Konzert mit der Freiburger Klezmerband "Die Haiducken" sei ein Triumph, weil neues jüdisches Leben in Lörrach wieder möglich sei, so Moshe Flomenmann zu dem Einwand, dass es an dem Tag, der die Ermordung der Juden zur Folge hatte, kein Konzert geben könne.

Der Davidsaal war zum Bersten voll. Die Menschen, die eben noch gemeinsam der Toten gedacht und ein Zeichen gegen den aktuellen Rechtsextremismus gesetzt hatten, freuten sich auf die Musik der osteuropäischen Juden. Diese feiere das Leben, wie Akkordeonist Jörg Reinhardt später sagte.

Zunächst feierte aber niemand. Angesichts der jüngsten Umfrageergebnisse, derzufolge jeder Vierte antisemitisches Gedankengut teile, wolle Oberbürgermeister Jörg Lutz nicht mehr nur zurückschauen und die Zerstörungen der Pogromnacht als Auftakt der Ermordung der europäischen Juden benennen. Das Gedenken am 9. November solle der Bekämpfung des Antisemitismus dienen. Gesellschaftliche Strukturen sollen Raum für Begegnungen schaffen. "Denn", so Lörrachs Oberbürgermeister, "was ich kenne, kann ich nicht hassen."

Der Jurist verwies auf die Ewigkeitsgarantie von Artikel 4 des Grundgesetzes. Der Artikel garantiere die Freiheit von Religion und Glauben. Wer sich dagegen ausspreche, sei nicht verfassungskonform. "Sie sind Teil unserer Stadt", rief er Rabbiner Flomenmann zu. Es gelte, daran zu arbeiten, den Rassismus hinter sich zu lassen.

Michael Hoffmann, lange Zeit Pfarrer in Brombach und nun in Weil, sprach für die Gruppe Abraham, in der sich Christen, Muslime und Juden zum gegenseitigen Austausch zusammengefunden haben. Nicht nur die Erinnerung solle bewahrt werden, es gelte, das Verbindende zu pflegen. Wer vom christlich-jüdischen Abendland spreche, der verbinde nicht nur, er grenze auch ab. Antisemitismus gebe es nicht nur bei den Rechten, auch bei Linken oder Geflüchteten fänden sich antisemitische Einstellungen. Wem sagten sie dies an diesem denkwürdigen Abend? Allen Menschen, die sich auf den Weg machten, um ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinde zu zeigen. Michael Hoffmann sprach auch vom jüdischen Beitrag für die deutsche Tradition.

Die Klezmermusik sei Teil der osteuropäischen Musiktradition, hiesige Musiker hätten ihre Freude daran. Sie freuen sich an ihrer Emotionalität, sie brauchen nicht jüdisch zu sein. Keiner der Haiducken ist jüdisch und doch interpretieren sie die Musik zu Herzen gehend und können deren Esprit herausschälen.

Dass mit Beuz Thiombane und seiner Djembe oder dem Didgereedoo neues Instrumentarium die Klezmermusik ergänzte, könnte nur die Puristen stören. Wenn eine Musik das Leben feiert, dann feiert sie das Leben aller.