Mut zur Versöhnung und Veränderung

Laetitia Barnick

Von Laetitia Barnick

Di, 22. Oktober 2019

Breisach

In Breisach wurde an den Jahrestag der Deportation badischer Juden nach Gurs erinnert.

BREISACH. Zu einer Gedenkveranstaltung zum 79. Jahrestag der Deportation badischer Juden nach Gurs hatte am Sonntag die evangelische Martin-Bucer-Gemeinde am Platz des Gedenksteins am Hagenbachtor eingeladen.

Bereits zum 3. Mal, so Pfarrer Claus Noack, finde diese Gedenkveranstaltung statt, wofür sich die Initiatoren fünf Mal im Blauen Haus – einer Gedenkstätte für die Geschichte der Juden am Oberrhein – getroffen hätten. Das Besondere an dieser Veranstaltung sei vor allem die Anwesenheit dreier Konfirmandinnen, die die Gedenkfeier mitgestalteten, so der pensionierte Geistliche: "Es ist wichtig, dass sich die Jugend engagiert", betonte er.

Die drei Konfirmandinnen Alexandra Becker, Katharina Flad und Hanna Seifert haben sich in einer Projektgruppe im Rahmen des Konfirmandenunterrichts intensiv mit jenem Datum des 22. Oktober 1940 beschäftigt, an dem die letzten 64 badischen Jüdinnen und Juden ins Internierungslager Camp de Gurs nördlich der Pyrenäen transportiert wurden. "Mit diesem Transport direkt nach dem Laubhüttenfest wurde die Existenz der jüdischen Gemeinde in Breisach besiegelt", betont Pfarrer Noack.

Vor allem sei es das Tagebuch der Anne Frank gewesen, erläuterte die Konfirmandin Hanna, das sie früh bewogen habe, sich mit dem Schicksal der Juden im 3. Reich auseinanderzusetzen: "So etwas darf nie wieder geschehen."

Anschließend verlasen die jungen Mädchen die Namensliste der jüdischen Bürger, die vor 79 Jahren brutal verschleppt wurden. Im Besonderen haben sich die Konfirmandinnen mit dem Schicksal der Familie des Bertold Levy beschäftigt, dessen Kinder nach Auschwitz deportiert wurden und der später nach Breisach zurückkehrte. Für seinen Grabstein auf dem Breisacher Friedhof bestimmte er die Worte: "Reich an Arbeit, reich an Leid war mein Leben allezeit."

Das Gedenken an die schrecklichen Schicksale der jüdischen Bevölkerung solle Mut zur Versöhnung und zur Veränderung machen, sagte Noack, und äußerte seine Fassungslosigkeit über rechtsextreme und antisemitische Gewalttaten wie das Verbrechen in der Synagoge in Halle vor zwei Wochen. Dabei vermittelte er auch Möglichkeiten zur Veränderung mithilfe des Hinterfragens des eigenen Verhaltens: "Grenze ich andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Kleidung, Religion oder Ernährung aus? Fühle ich mich anderen gegenüber erhaben? Welchen Beitrag könnte ich selbst zur Veränderung leisten?" Denn auch in Breisach, weist der Geistliche auf die beschädigte Tafel am Gedenkstein hin, gebe es antisemitische Gesinnung.

Im Namen des Vorstands des Fördervereins "Blaues Haus" berichtete Christiane Walesch-Schneller von der Ausstellung "Jüdisches Leben in Breisach 1931" und erinnerte unter anderem an den ungeheuren Mut der DDR-Bürger, die sich vor 30 Jahren den Mauerfall erkämpften: "Wir alle müssen wachsam sein und mit dem Ziel weiterarbeiten, noch mehr Menschen zu erreichen." Denn, so Walesch-Schneller: "Auch im Jahr 2019 sind die Juden unter uns nicht sicher."