Herzstillstand auf dem Rasen

Nach dem Schock von Kopenhagen: Eriksen lächelt wieder

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Von dpa & Andreas Strepenick

So, 13. Juni 2021 um 19:24 Uhr

Fußball-EM

Die Menschen bangten um den Dänen Christian Eriksen. Der Star von Inter Mailand brach während eines EM-Spiels zusammen und wurde wiederbelebt. Sein Team will weiterspielen - für ihn.

Einen Tag nach dem Schock von Kopenhagen verkündete der dänische Nationaltrainer eine frohe Botschaft. "Es war das Schönste für mich, Christian lächeln zu sehen", sagte Kasper Hjulmand am Sonntag bei einer Pressekonferenz mit dem Mannschaftsarzt und dem Sportdirektor seines Teams.

Millionen Menschen an den Bildschirmen, im Stadion und auf dem Spielfeld hatten am Abend zuvor um den dänischen Star Christian Eriksen gebangt, der während des EM-Spiels gegen Finnland (0:1) zusammengebrochen war, einen Herzstillstand erlitt und wiederbelebt werden musste. Schon im Laufe des Sonntags aber führte der 29-Jährige von Inter Mailand vom Krankenhaus aus einen Videoanruf mit seinen Teamkollegen und dem Trainer. Mannschaftsarzt Morten Boese sagte: "Sein Zustand ist weiter stabil."

Alle medizinischen Tests bei Eriksen seien bereits absolviert worden und: "Sie waren gut." Nur zu den genauen Ursachen für den Herzstillstand könne er noch nichts sagen, so der Arzt. Dass der beste Spieler des dänischen Teams seinen Zusammenbruch überlebt hat, überstrahlte in Kopenhagen erst einmal alles: Die Nachricht, dass die Dänen das EM-Turnier trotz dieses Schocks fortsetzen wollen. Und dass der Verband dem Rest des Teams nun psychologische Hilfe zur Verfügung stellt, um die Emotionen dieses Abends verarbeiten und schon am Donnerstag gegen Belgien wieder antreten zu können.
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Dazu gehört auch die massive Kritik daran, dass das Spiel nach einer Unterbrechung von 107 Minuten noch am Samstagabend fortgesetzt wurde (siehe unten). Zunächst attackierten nur Fans und Experten den europäischen Fußball-Verband (Uefa). Am Sonntag aber schlossen sich dem auch immer mehr die dänischen Offiziellen an. "Wir wurden alle daran erinnert, was die wichtigsten Dinge im Leben sind", sagte Trainer Hjulmand noch im Stadion nach dem Spiel: "Die Menschen, die einem nahe stehen. Das sind die Familie und Freunde."

Kritik gab es auch an der Fernsehübertragung – vor allem am Weltbild der Uefa, aber auch am öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland, das dieses Weltbild bei Spielen übernimmt. ZDF-Kommentator Béla Réthy wurde für sein Schweigen und die Zurückhaltung unmittelbar nach Eriksens Kollaps von Medienfachleuten und in sozialen Netzwerken gelobt. Seine Arbeit nach Wiederanpfiff der Partie dagegen fanden manche Beobachter unprofessionell. Der 64-jährige Réthy selbst sagte sichtlich betroffen: "Das war für mich emotional die bisher härteste Übertragung." Auf solche Situationen könne man sich nicht vorbereiten.

Der Deutsche Journalisten-Verband griff das ZDF wegen der minutenlangen Übertragung des Geschehens nach dem Kollaps scharf an und warf dem Sender Voyeurismus vor. Auch in späteren Zusammenfassungen am Sonntag waren der Zusammenbruch und die Sekunden danach deutlich zu sehen. Zumindest bei früheren Turnieren hatte die Regie klare Anweisung, schon bei vergleichsweise harmlosen Zwischenfällen sofort die Kameraperspektive zu wechseln – etwa dann, wenn ein Flitzer auf den Platz rannte. Die TV-Bilder sollten keine Nachahmer provozieren. Im Fall Erikson dauerte es vergleichsweise lange, bis die Regie überhaupt reagierte.

Jean-Jacques Amsellem, der Regisseur für das internationale TV-Bild, sowie das ZDF selbst bekamen aber auch Lob und rechtfertigten sich für ihr Verhalten. "Das war auch für uns eine absolute Ausnahmesituation", sagte ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann: "Wir mussten auch dem Informationsbedürfnis der Zuschauer gerecht werden." Nach einigen Minuten schaltete das ZDF ins Studio um und unterbrach nach einer knappen Viertelstunde das EM-Programm.