Einfach nur Liebe

Cedric Rehman

Von Cedric Rehman

Mo, 14. Mai 2018

Ausland

Die Ehe einer Deutsch-Jüdin mit einem Araber im Spannungsfeld.

Es ist eine Liebe, die in einem Berliner Fischrestaurant begann. Ausgerechnet beim Essen traf die 1984 in Aserbaidschan geborene deutsch-jüdische Schriftstellerin Olga Grjasnowa 2013 den Mann ihres Lebens. Einen Syrer. Vier Jahre später, im Herbst 2017, stecken Demonstranten Fahnen mit dem Davidstern unweit des Brandenburger Tors in Brand. Auf Fotos sind vor allem arabischstämmige Männer zu sehen. Migrant-Araber-Antisemit – im Land, das den Nationalsozialismus gebar, beherrscht ein neuer Dreiklang die Debatte in den Medien. Doch der Syrer Ayham Majid Agha ist zwar Araber und Migrant – aber eben auch der Mann einer jüdischen Deutschen.

Er kriecht im Wohnzimmer des Ehepaars an der Sonnenallee in Berlin-Neukölln auf dem Teppich herum. "Where is your Schnuller?", fragt er seine Tochter, während er auf dem Sofa die Kissen anhebt. In diesem Haushalt wird Englisch gesprochen, Arabisch, Russisch und Deutsch. Grjasnowa veröffentlichte 2012 ihren von der Kritik gelobten Debütroman "Ein Russe ist einer, der Birken liebt". Ein Jahr später traf sie den syrischen Schauspieler Agha in jenem Berliner Fischrestaurant und heiratete ihn nur einige Monate später.

Doch ihre Beziehung blieb zunächst vor allem eine private Angelegenheit. Keiner der beiden Künstler thematisierte, dass sie jemanden lieben, von dem andere glauben, er würde einer Art feindlicher Spezies angehören. Zwei Monate nach dem Brand des Davidsterns am Brandenburger Tor las Olga Grjasnowa in der Onlineausgabe der Zeit den Artikel einer Journalistin. Unter dem Pseudonym "Alexandra Berlin" berichtete diese davon, wie sie als Jüdin, die Flüchtlinge willkommen heißt, auf Antisemitismus traf. "Warum hasst ihr mich?" überschrieb die Autorin ihren Online-Artikel.

"Nicht alle Flüchtlinge sind Antisemiten", antwortete Olga Grjasnowa kurz darauf in ihrem Beitrag für Zeit online. Nun wollen die Schriftstellerin und der Schauspieler, der am Berliner Maxim-Gorki-Theater auftritt, der Öffentlichkeit ihre persönliche Geschichte erzählen, in der ein Muslim eine Jüdin liebt.

Wenn die beiden Künstler ihre Beziehung beschreiben, dann fällt die Selbstverständlichkeit auf, die ihr innewohnt. Auf einen kitschigen Moment, der an den Hollywoodfilm "Enemy mine – Geliebter Feind" aus dem Jahr 1985 erinnert, wartet der Zuhörer vergeblich. Die beiden erzählen nichts von einer besonderen Anziehungskraft zweier Menschen, von denen andere glauben, dass sie entlang von Konfliktlinien leben müssten.

"Für meine Familie und mein Umfeld war unsere Heirat nicht ungewöhnlich", sagt Agha. Ähnlich sei es in ihrer Familie gewesen, erzählt Grjasnowa. Agha nennt seine Frau die erste Deutsche, die auf seine Herkunft nicht mit einer Mischung aus Mitgefühl und Herablassung reagiert habe. Und da ist noch etwas, was die beiden Künstler miteinander verbindet: Die bisweilen harte Schule der russischen Kunsterziehung.

Der 1980 im ostsyrischen Deir-ez-Zor geborene Agha besuchte die Hochschule für Darstellende Künste in Damaskus. Fast alle seine Lehrer seien Russen gewesen. Grjasnowa verweist auf ihre Mutter, die in der UdSSR als Musiklehrerin ausgebildet worden ist. "Das war in der Sowjetunion etwas anderes als hier", sagt sie.

Agha trägt eine dunkel umrandete Brille. Auf dem schulterlangen Haar sitzt locker eine schwarze Mütze. In einer Kreuzberger Bar würde er womöglich als ein türkischer DJ durchgehen, der wegen der Politik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan das Istanbuler Szeneviertel Cihangir gegen Berlin getauscht hat. Oder als ein Perfomancekünstler aus Tel Aviv, dem es in Netanjahus Israel zu eng geworden ist. Aber als Araber?

Agha und seine deutsche Frau nennen das Denken in solchen Kategorien eine Machtausübung gegenüber Migranten. Deutsche ohne Migrationsgeschichte steckten Flüchtlinge und Migranten zu oft in Schubladen, sagt Grjasnowa. Sie selbst habe das erlebt, als sie und ihre Familie 1996 als jüdische Kontingentflüchtlinge Aserbaidschan verließen. Noch immer werde sie aufgrund ihrer russischen Herkunft beurteilt, meint sie. "Ich veröffentliche Romane auf Deutsch und werde gefragt, in welcher Sprache ich sie geschrieben habe", erzählt sie. Für sie steht fest, dass der Antisemitismus arabischer Flüchtlinge eine weitere Schablone ist, in die Menschen gepresst werden, um ihnen einen Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. "Es geht hier um Kontrolle", meint ihr Mann. In der Bewertung des arabischen Antisemitismus ist sich das Ehepaar einig. Ist es die Empathie der Frau für den Geliebten aus der als feindlich angesehenen Gemeinschaft? Ist Grjasnowa blind etwa für die Gewalt von Muslimen gegen Juden in Frankreich?

Die russisch-stämmige Schriftstellerin beruft sich auf ihre eigene Biografie. Sie erzählt die Geschichte eines Mädchens, das der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu russisch war. Da die Anna-Lenas und Lukas-Sebastians ihr selten Freundschaft antrugen, hießen die Gefährten ihrer Jugend eben oft Fatma oder Cem. Nun in Neukölln erlebe sie, wie Israelis sich ausgerechnet in den arabischsten Teilen des Bezirks ansiedeln und Tür an Tür leben mit Nachfahren palästinensischer oder libanesischer Flüchtlinge.

Das, was nicht in die Schubladen passe, mache eher den Alltag von Migranten aus, erklärt Grjasnowa. Ihr Mann nickt. Juden gehörten für ihn ohnehin zu dem Völkermischmasch dazu, das zwischen Mittelmeer und Persischem Golf siedelt, sagt er. "In Damaskus gab es doch immer Juden", sagt er. Juden und Muslime trenne seit 1948 der Konflikt um das Heilige Land, sagt er. "Keine Religion ist dem Islam so nahe wie das Judentum", sagt der syrische Schauspieler dennoch.

Grjasnowa ist sich bewusst, dass Juden AfD wählen, weil sie sich von der islamkritischen Partei Schutz erhoffen. Den jüngsten Artikel des jüdischen Historikers Michael Wolffsohn habe sie nicht gelesen. Wolffsohn erklärte Ende Februar in der Neuen Zürcher Zeitung , dass Gewalt gegen Juden in Deutschland nur von Muslimen ausgehe, rechter Antisemitismus dagegen marginal sei. Die Schriftstellerin schüttelt den Kopf. "Es gibt Juden, die wählen ihre künftigen Verfolger", sagt sie.

Der Satz klingt ungeheuerlich, denn Grjasnowa spricht von einer im Bundestag vertretenen Partei. Auch auf Nachfrage will sie die Äußerung so stehen lassen. Sollte Deutschland sein Verhältnis zu Muslimen nicht gütlich regeln, müsste sie mit ihrem Ehemann wohl auswandern, sagt sie. Da denkt eine Jüdin an Emigration nicht wegen der Muslime, sondern wegen einer Gesellschaft, in der es offenbar populär werde, den Kampf gegen Antisemitismus als Argument zur Eindämmung des Islams anzuführen. Solches Reden mag sich anhören wie ein Fall von Stockholm-Syndrom – eine Identifikation von Opfern mit Tätern.

Grjasnowa wünscht sich, dass die Perspektive von Juden, die gut mit Muslimen zusammenleben, Platz in der Debatte finde wie andere Stimmen auch. "Ich finde es unerträglich, wenn ein Deutscher mir sagt, ich sei nur eine selbsthassende Jüdin", sagt sie. Noch ist Olga Grjasnowa eine Jüdin, die sich mit ihrem syrischen Mann an der Berliner Sonnenallee zu Hause fühlt.