Merkel will echtes Bündnis mit Indien

Christopher Ziedler

Von Christopher Ziedler

Do, 31. Oktober 2019

Ausland

Die deutsche Bundeskanzlerin und ihre Minister möchten die Kooperation zwischen beiden Ländern verstärken.

BERLIN. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will die Beziehungen zu Indien verbessern. Am Donnerstag reist sie mit zehn Ministern auf den Subkontinent – es geht vor allem um die wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Indien, das wie China 1,3 Milliarden Menschen zählt, stand bislang nicht im Fokus deutscher Außenpolitik. "Deutschland hat diese langjährige Liebesbeziehung mit China", sagt Amrita Narlikar, die indischstämmige Präsidentin des German Institute of Global and Area Studies in Hamburg, "während Indiens Interesse weitgehend unerwidert bleibt." Das spiegelt sich in den Zahlen. Indien ist die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt, rangiert auf der Liste deutscher Handelspartner aber nur auf Platz 26. Ausgeführt werden vor allem Maschinenbauprodukte, eingeführt in erster Linie Textilien. Es gibt mehr als 1600 Wirtschaftskooperationen und etwa 600 Joint Ventures. Trotz Steigerungen in den vergangenen Jahren lag das Volumen des Warenaustauschs mit Indien 2018 lediglich bei 18 Milliarden Euro, während das mit China bereits auf 199 Milliarden Euro angewachsen ist.

Um die Lücke zu verkleinern, reist Kanzlerin Merkel an diesem Donnerstag mit zehn Ministern und Staatssekretären nach Neu-Delhi zu den fünften deutsch-indischen Regierungskonsultationen, die alle zwei Jahre stattfinden. "Wir wollen unsere bilateralen Beziehungen weiter festigen, von Indien lernen, aber auch unsere technologischen Entwicklungen in Indien platzieren", sagte die Kanzlerin in ihrer jüngsten Videobotschaft.

In einer Resolution des Bundestags wird klarer ausgesprochen, worum es geht. Es sei "an der Zeit, die deutsch-indischen Beziehungen auf eine neue Ebene zu heben". Das hat zum einen ökonomische Gründe, da die deutsche Wirtschaft einen der größten Absatzmärkte der Welt noch nicht voll erschlossen hat – was auch daran liegt, dass 2007 begonnene Freihandelsgespräche zwischen der EU und Indien nicht vom Fleck kommen. Das Parlament gibt die Devise aus, "sich noch eindeutiger als bisher strategisch im indischen Markt zu positionieren".

Politisch liegt eine engere Kooperation mit der größten Demokratie der Welt ohnehin auf der Hand – nicht zuletzt auf internationaler Ebene. "1,3 Milliarden Demokratinnen und Demokraten, gerade in diesen Zeiten, in einer zunehmend autoritären Welt, sollten für uns als Partner unverzichtbar sein", sagte Außenminister Heiko Maas (SPD) im Bundestag.

Ein strategisches Partnerschaftsabkommen existiert schon seit dem Jahr 2000 – nun aber soll wirklich ernst gemacht werden. Da der Nationalismus zurückkehrt und sich alte Partner wie die USA neu orientieren, soll ein echtes Bündnis mit Indien her. "Um den Multilateralismus und die Demokratie zu retten, können wir uns nicht allein auf die Wirtschaft konzentrieren", meint die Institutsleiterin Narlikar. "Gesellschaftlicher ,Wandel durch Handel‘ funktioniert nicht, wie das Beispiel China zeigt." Im September schloss sich Indien neben 80 weiteren Staaten Deutschlands informeller "Allianz für den Multilateralismus" an. Es ist das Gegenmodell zur neuen Großmächtekonkurrenz von USA, Russland und China. Der Schwerpunkt in der Zusammenarbeit liegt allerdings auf den Bereichen Wirtschaft, Forschung und Umwelttechnik. "Indien hat sich gerade auch im Blick auf die Digitalisierung rasant weiterentwickelt", hat Merkel im Vorfeld ihrer Reise gesagt: "Hier können wir über das Thema Smart Cities, erneuerbare Energien und neue Formen der Mobilität sprechen." Schon jetzt gibt es rund 30 Kooperationsformate, darunter die deutsch-indische "Green Urban Mobility Initiative", in die über fünf Jahre eine Milliarde Euro fließen soll. Vor ihrem Rückflug nach Deutschland am Samstag will sich die Bundeskanzlerin daher die solarbetriebene Metrostation Dwarka Sector 21 in Neu-Delhi anschauen.